Manche Lücken lassen sich auch mit den schwersten Gitarren nicht schließen. Mastodon müssen auf „Marrow Deep“ mit einer solchen Leerstelle arbeiten: Erstmals entsteht ein Studioalbum ohne Brent Hinds, dessen Ausscheiden und anschließender Tod die Geschichte der Band schmerzhaft verändert haben. Gleichzeitig trauert Brann Dailor um seine Mutter. Das neunte Album trägt diese Verluste in sich, richtet den Blick aber nach vorne. Progressive Metal, zäher Sludge und psychedelische Ausflüge bilden die Grundlage einer Neuaufstellung, die weder alle Zweifel beseitigt noch vor ihnen kapituliert. Zwölf Stücke stehen zwischen Erinnerung und Aufbruch. Ihre wichtigste Aufgabe ist dabei denkbar schwer: Mastodon müssen herausfinden, wie sich Mastodon unter diesen Voraussetzungen anfühlen..
Schwere Riffs, offene Wunden
„Barbarians Blood“ setzt auf körperliche Wirkung und zieht die Zügel im weiteren Verlauf kräftig an. „Poisonous Weapons“ schiebt anschließend seine schweren Gitarren vor sich her. Hier findet die Platte früh einen überzeugenden Ansatz: Die Trauer wird in Bewegung übersetzt. Gerade die kompakteren, druckvollen Momente geben dem Album Halt. Wo „Hushed and Grim“ seinen Gedanken viel Raum ließ, wirkt der Zugriff diesmal entschlossener. Ganz verschwunden ist der Hang zum Ausufern allerdings nicht.
„Your Ghost Again“ gehört zu den schlüssigsten Verbindungen aus Härte und Melodie. Ein unruhiges Riff trifft auf Synthesizer und einen zugänglichen Refrain; die unterschiedlichen Elemente behalten dabei ihren eigenen Charakter. Auch „Golden Spires“ unterstreicht, wie wichtig Dailors bewegliches Schlagzeug für diese Musik bleibt. Seine Figuren halten die Arrangements in Spannung. Die Band braucht keine durchgehende Höchstgeschwindigkeit, solange unter den Gitarren genügend passiert.
Neue Musiker verändern das Kräfteverhältnis
Mit Gitarrist Nick Johnston und Keyboarder João Nogueira wächst die Besetzung zum Quintett. Gemeinsam mit Bill Kelliher, Troy Sanders und Brann Dailor entsteht eine Konstellation, die andere Möglichkeiten eröffnet. Besonders die Tasteninstrumente erhalten mehr Gewicht. Das ist eine sinnvolle Entscheidung: Eine veränderte Band darf ihre Schwerpunkte verschieben. Ein möglichst ähnlicher Ersatz für Hinds hätte dessen Abwesenheit vermutlich nur deutlicher markiert.
„Snakes for Dinner“ profitiert von den auffälligen Keyboards und dem dosierten Gastbeitrag von Josh Homme. Der Song besitzt genügend Eigenleben, um ohne den prominenten Namen zu funktionieren. Bei „In the Ruins“ liegt der Schwerpunkt auf Sanders’ rauem, emotionalem Vortrag und einer schwereren, getrageneren Atmosphäre. Allerdings verlangt das Album hier Geduld. Nicht jede gedehnte Passage rechtfertigt ihren Umfang; gelegentlich könnte ein früherer Wechsel die Wirkung noch verstärken.
Der Bass verdient besondere Aufmerksamkeit. Sanders berichtete, dass Kurt Ballou ihn im Studio durch einen alten Marshall-Gitarrenverstärker samt Box spielen ließ. Solche Entscheidungen erklären den Anspruch hinter der Produktion: Das Fundament soll eine eigene Stimme bekommen. Bass und Schlagzeug sind bei dieser Band schließlich tragende Kräfte. Die Gitarren können sich nur deshalb so weit vorwagen, weil darunter Musiker arbeiten, die den Verlauf der Stücke mitgestalten.
Weite Ausflüge und ein fehlendes Gegengewicht
„Out Like a Lamb“ bietet Johnston Raum für seine technischen Fähigkeiten. Später öffnen die Gäste weitere Türen: Geezer Butler steuert den Basseinstieg zu „The Vanishing“ bei, während Neil Fallon im Finale „The Three Fates“ auftaucht. Gerade diese längeren Ausflüge erweitern das Album über seine unmittelbaren Metal-Attacken hinaus. Die prominente Unterstützung bleibt dabei Ergänzung einer Band, die selbst ausreichend Substanz mitbringt.
Trotzdem besitzt die Neuaufstellung einen Preis. Hinds’ eigenwillige Verbindung aus Gitarrenspiel, Stimme und Southern-Rock-Färbung fehlt als unberechenbares Gegengewicht. Außerdem wirkt die Produktion stellenweise so verdichtet, dass die Musik weniger atmet, als es ihre beweglichen Arrangements erwarten lassen. Bei rund 65 Minuten summieren sich solche Eindrücke. „Marrow Deep“ hätte von einer strengeren Auswahl profitiert, ohne dafür seinen progressiven Charakter aufgeben zu müssen.
Unsere Wertung:
9 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
„Marrow Deep“ verdient Aufmerksamkeit für den Mut, eine erschütterte Band musikalisch neu zu ordnen. Die stärksten Songs verbinden unmittelbaren Druck mit einer Offenheit, die diesem nächsten Abschnitt gutsteht. Nicht jede Länge ist notwendig, nicht jeder Verlust lässt sich auffangen. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht den Neubeginn nachvollziehbar. Mastodon haben ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Dieses Album gibt gute Gründe, ihnen weiter zuzuhören.

Trackliste
- Barbarians Blood
- Poisonous Weapons
- Your Ghost Again
- Snakes for Dinner
- Out Like a Lamb
- In the Ruins
- They’re Coming For You
- Golden Spires
- Moth and Bone
- A Vampire’s Demeanor
- The Vanishing
- The Three Fates
Credits
Interpret: Mastodon
Titel: Marrow Deep
Herkunft: Atlanta, Georgia, USA
Format: Album | CD, Vinyl und digital
Veröffentlichung: 28. August 2026
Spielzeit: ca. 65 Minuten
Genre: Progressive Metal | Sludge Metal | Stoner Metal
Label: Loma Vista Recordings
Produktion: Mastodon, Patrik Berger und Kurt Ballou
Studio: West End Sound, Atlanta
Besetzung: Troy Sanders – Bass, Gesang | Brann Dailor – Schlagzeug, Gesang | Bill Kelliher – Gitarre | Nick Johnston – Gitarre | João Nogueira – Keyboards, Synthesizer
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