Ein zweites Kapitel kann eine Geschichte vollenden – oder lediglich jene Gedanken wiederholen, die im ersten bereits ausgesprochen wurden. Marilyn Manson bewegt sich auf „One Assassination Under God – Chapter 2“ auffallend nah an dieser Grenze. Zwei Jahre nach dem konzentrierten Comeback von „Chapter 1“ ist die Auferstehung nicht länger das eigentliche Thema. Nun folgt die Gegenoffensive: neun düstere Songs – in der digitalen Expanded Edition inzwischen zehn – über Feindbilder, Selbstbehauptung, beschädigte Identität und den Versuch, aus öffentlicher Demontage eine neue Kunstfigur zu formen. Gemeinsam mit Tyler Bates entwickelt Manson den zuletzt eingeschlagenen Weg weiter und verbindet Industrial Metal, Gothic Rock, Darkwave und große, beinahe klassische Rockmelodien zu einem Album, das geschlossen und wirkungsvoll klingt – dessen Perspektive sich auf Dauer allerdings als ziemlich eng erweist.
Auferstanden, bewaffnet und zum Gegenangriff bereit
„One Assassination Under God – Chapter 2“ ist das 13. Studioalbum unter dem Namen Marilyn Manson und zugleich der Abschluss einer Geschichte, die 2024 mit „Chapter 1“ begann. Beide Platten entstanden in derselben kreativen Verbindung mit Tyler Bates, weshalb der Übergang beinahe nahtlos wirkt. Dennoch verschiebt sich der Schwerpunkt. Wo das erste Kapitel noch von einer vorsichtigen Rückkehr, innerer Krankheit und Wiederaufrichtung geprägt war, tritt Manson diesmal offensiver auf. Fast jeder Text kennt ein Gegenüber, das zerstören, verurteilen oder zum Schweigen bringen will. Das verleiht dem Album einen klaren roten Faden, macht seine Gedankenwelt aber auch berechenbar.
„Unalive“ beginnt mit einem tiefen elektronischen Puls und einer Leadgitarre, die sich wie ein Warnsignal durch die ersten Sekunden zieht. Gil Sharones Schlagzeug marschiert kontrolliert, während Manson zunächst in seinem tiefen Register bleibt und den Refrain später mit heiserem Druck aufreißt. Der Song verzichtet auf einen schnellen Schockeffekt und baut seine Bedrohung schrittweise auf. Gerade deshalb funktioniert er als Eröffnung hervorragend. Weniger überzeugend ist die stellenweise sehr starke Schichtung der Stimme. Sie vergrößert zwar die Szenerie, nimmt dem Vortrag aber einen Teil jener unmittelbaren Hässlichkeit, die dem Stück gutgestanden hätte.
Mit „Don’t Answer The Door“ folgt einer der stärksten Titel des Albums. Tyler Bates lässt die Gitarren nicht permanent zuschlagen, sondern arbeitet mit freien Flächen, flackernden Effekten und einem Rhythmus, der sich langsam an den Hörer heranschiebt. Der eingängige Refrain steht im wirkungsvollen Gegensatz zu den geflüsterten und gesprochenen Passagen. Im letzten Abschnitt bekommt das Stück zusätzlich einen schmierigen Sleaze-Rock-Unterton, ohne seine Gothic-Atmosphäre zu verlieren. Diese Verbindung aus Einfachheit und kontrolliertem Unbehagen erinnert daran, dass Manson am stärksten ist, wenn ein Song nicht jede dunkle Ecke vollständig ausleuchtet.
„Front Toward Enemy“ war bereits 2024 als B-Seite der Single „Raise The Red Flag“ erhältlich und erhält hier seinen folgerichtigen Platz. Ein knurrender Bass, mechanisch stoßende Gitarren und Sharones hart gesetzte Schläge machen die Nummer zum direktesten Industrial-Metal-Angriff der Platte. Manson formuliert seine Kampfansage ohne Umwege und schreit den Refrain mit erstaunlicher Ausdauer. Gerade live dürfte dieser Aufbau zuverlässig funktionieren. Im Albumzusammenhang fällt allerdings auf, wie schnell die bildhafte Sprache einer simplen Durchhalteparole weicht. Die körperliche Wirkung bleibt trotzdem beträchtlich.
„All The Vilest Things“ dreht anschließend Glam Rock, Gothic Pop und modernen Alternative Metal ineinander. Der Refrain gehört zu den größten Ohrwürmern der Platte, ist aber zugleich ein gutes Beispiel für deren Ambivalenz. Bates arrangiert den Song präzise, lässt Bass und Gitarren elegant umeinander kreisen und gibt jeder melodischen Wendung genügend Raum. Mansons mehrfach übereinandergelegter Gesang wirkt dagegen fast zu sauber für den Schmerz, von dem er berichtet. Inhaltlich erhebt er die gegen ihn gerichteten Angriffe erneut zum Beweis der eigenen Unzerstörbarkeit. Das ist als Selbstinszenierung konsequent, entwickelt nach mehreren ähnlich argumentierenden Stücken jedoch kaum eine neue Perspektive.
Darkwave Elemente sind eindeutig zu hören
In der Mitte verändert „None Of The Suns“ die Farbe des Albums. Die Gitarren treten zurück, ein beweglicher Bass und kühle Synthesizer übernehmen die Führung. Der Rhythmus besitzt den nächtlichen Sog des Post-Punk, während Manson deutlich melodischer und verletzlicher singt. Der Refrain öffnet sich weit, ohne die Dunkelheit der Strophen abzuschütteln. Mit über fünf Minuten lässt sich der Song bewusst Zeit und liefert dadurch genau jene atmosphärische Erweiterung, die „Chapter 2“ nach seiner angriffslustigen ersten Hälfte benötigt. Nicht jede stimmliche Bearbeitung klingt natürlich, doch die leicht entrückte Wirkung passt hier besser als beim Opener.
Die digitale Expanded Edition schiebt an dieser Stelle „You Can’t Die Young“ ein. Der am 28. August 2026 nachgereichte Bonustrack ist mit dreieinhalb Minuten deutlich kompakter und setzt auf einen stampfenden Beat, scharf umrissene Gitarren und eine beinahe spöttische Hookline über Alter, Vergänglichkeit und den Mythos des frühen Todes. Das Stück bringt Tempo in die Albumhälfte und besitzt sofortige Wirkung, erreicht aber nicht die räumliche Tiefe von „None Of The Suns“ oder „Lucifer’s Teardrop“. Als Bonus ist es eine sinnvolle Ergänzung; für die Dramaturgie der ursprünglichen Neun-Song-Fassung war es nicht unverzichtbar.
„Lucifer’s Teardrop“ verbindet eine dunkle Tanzbarkeit mit Western-Andeutungen und dem filmischen Gespür von Tyler Bates. Die Gitarren ziehen lange Schatten, elektronische Details tauchen nur kurz an der Oberfläche auf und Manson wechselt zwischen Crooning und rauen Ausbrüchen. Die große Melodie hat etwas Feierliches, wird aber immer wieder durch schräge Klangfarben gestört. Auf diese Weise entsteht einer der interessantesten Kontraste des Albums: Der Song könnte fast als finstere Rockhymne durchgehen, weigert sich jedoch, seine melodische Schönheit vollständig bequem werden zu lassen.
Danach zieht „The Arsonist“ die Schrauben wieder an. Der stoische Puls, die verzerrten Flächen und Mansons giftiger Vortrag erzeugen eine kompakte, unangenehme Spannung. Statt eines versöhnlichen Refrains gibt es eine Drohung, die sich mit jedem Durchlauf tiefer eingräbt. Der Text bleibt absichtlich unscharf genug, damit sich verschiedene Gegner in die angesprochene Rolle einsetzen lassen. Das ist wirkungsvoller als die eindeutigeren Parolen zuvor, weil die Figur Marilyn Manson hier wieder als Projektionsfläche funktioniert und nicht lediglich als Erzähler einer persönlichen Abrechnung.
„Exit Wound“ bündelt schließlich die zugänglichsten Eigenschaften der Platte. Der Bass treibt den Song vorwärts, die Elektronik zischt an den Rändern und die Gitarren setzen breite, schwere Akzente. Der Refrain ist einfach gebaut, bleibt aber sofort hängen. Als Vorabsingle war die Nummer daher klug gewählt. Sie besitzt genügend Industrial-Metal-Druck für die härtere Hörerschaft und gleichzeitig eine klare Melodie, die auch außerhalb dieses Rahmens funktioniert. Nach mehreren Durchläufen nutzt sich der zentrale Hook etwas ab, doch die souveräne Produktion und Mansons konzentrierter Vortrag verhindern, dass der Song zu bloßem Kalkül wird.
Ein Spiegelbild statt eines endgültigen Urteils
Der sechsminütige Abschluss „Enantiomorph“ trägt die Idee des Spiegelbildes bereits im Titel. Nach einer gesprochenen Einleitung öffnen Piano, Samples und langsam anwachsende Gitarren einen ungewöhnlich verletzlichen Raum. Manson singt nicht gegen eine Wand aus Lärm an, sondern zeigt Brüche in seiner Stimme und damit in jener unangreifbaren Figur, die das Album zuvor so beharrlich aufgebaut hat. Bates steigert das Arrangement geduldig, ohne in ein erwartbares Metal-Finale zu flüchten. Einige Passagen hätten etwas straffer ausfallen dürfen, doch als Gegenstück zum martialischen Beginn ist der Song stark gewählt. Das Album endet nicht mit einem Sieg, sondern mit einer Bindung, die in einer feindseligen Welt Sicherheit verspricht.
Genau hier wird deutlich, was „Chapter 2“ leisten kann und was nicht. Die seit Jahren geführte öffentliche Auseinandersetzung um Brian Warner und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bleibt der unausgesprochene Hintergrund vieler Texte. Das Album verarbeitet diese Situation aus Mansons Perspektive; es klärt sie nicht und kann sie auch nicht klären. Als Hörer muss man deshalb zwischen der Qualität der Songs und der selbstgewählten Märtyrerrolle unterscheiden. Musikalisch erzeugt diese Haltung eine enorme Geschlossenheit. Inhaltlich führt sie zu Wiederholungen, weil Kritik fast ausschließlich als Angriff von außen erscheint und echte Selbstprüfung nur in kurzen Momenten durchscheint.
Wo Manson konkrete Bilder findet, besitzt seine Sprache weiterhin eine eigentümliche, morbide Kraft. Wo er seine Unbesiegbarkeit lediglich behauptet, schrumpft der einst scharfe Beobachter gesellschaftlicher Widersprüche zum Mittelpunkt der eigenen Verteidigungsrede. „One Assassination Under God – Chapter 2“ ist deshalb keine neutrale Abrechnung mit den vergangenen Jahren, sondern eine sorgfältig inszenierte Version davon. Das darf Kunst sein, sollte aber nicht mit Erkenntnis verwechselt werden.
Tyler Bates hält das Dunkel in Bewegung
Der entscheidende musikalische Partner bleibt Tyler Bates. Er spielte Gitarren, Bass, Keyboards und GuitarViol ein, schrieb die Musik gemeinsam mit Manson und übernahm auch die Produktion. Seine Erfahrung als Filmkomponist zeigt sich weniger in großen orchestralen Gesten als in der räumlichen Gestaltung. Geräusche tauchen im Hintergrund auf, Gitarren wechseln zwischen trockenem Riff und weiter Fläche, während der Bass ungewöhnlich oft eine eigene melodische Funktion erhält. So wirkt die Platte trotz ihres überwiegend mittleren Tempos nie vollkommen statisch.
Gil Sharone spielt dazu ein präzises, körperliches Schlagzeug. Er drängt sich selten mit technischen Kunststücken in den Vordergrund, gibt den Stücken aber den nötigen Stoß und lässt selbst die elektronisch geprägten Passagen organisch wirken. Robert Carranzas Mix stellt jedes Instrument klar heraus und bewahrt zugleich die dunkle Geschlossenheit. Das Mastering von Howie Weinberg und Will Borza besitzt viel Druck, ohne alle leisen Abstufungen einzuebnen. Besonders „Don’t Answer The Door“, „None Of The Suns“ und „Enantiomorph“ profitieren von dieser kontrollierten Dynamik.
Mansons Stimme ist nicht makellos, aber wieder ein wirksames Instrument. Sein Bariton klingt gealtert, stellenweise brüchig und bei den aggressiven Einsätzen deutlich rauer als früher. Bates setzt diese Spuren gezielt ein, überzieht jedoch einzelne Refrains mit zu vielen Dopplungen und Effekten. Klangliche Erinnerungen an „Mechanical Animals“, „Holy Wood“ und die bisherigen Bates-Alben sind hörbar, ohne dass die Platte eines davon kopiert. Im Vergleich zu „Chapter 1“ ist das zweite Kapitel melodischer, stärker von Darkwave und Post-Punk gefärbt und weniger auf ein sofortiges Comeback-Signal angewiesen.
Vollständig trägt die Konzentration über 46 Minuten dennoch nicht. Das überwiegend ähnliche Tempo und die wiederkehrende Struktur aus gedämpfter Strophe, anwachsender Spannung und breitem Refrain lassen einige Übergänge verschwimmen. Auch die Texte kreisen zu oft um dieselbe Konfrontation. Dem stehen ein bemerkenswert geschlossenes Klangbild, mehrere ausgezeichnete Basslinien und eine zweite Albumhälfte gegenüber, die deutlich mutiger mit Melodie und Atmosphäre arbeitet. „Chapter 2“ übertrifft seinen Vorgänger daher nicht eindeutig, bildet mit ihm aber ein schlüssiges Doppelwerk.
Unsere Wertung:
8 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
„One Assassination Under God – Chapter 2“ beendet Marilyn Mansons zweiteilige Rückkehr mit einem dunklen, sorgfältig konstruierten Album. Tyler Bates verbindet schwere Industrial-Riffs, Gothic Rock, Post-Punk und Darkwave zu einem geschlossenen Klangraum, in dem besonders „Don’t Answer The Door“, „None Of The Suns“, „The Arsonist“ und „Enantiomorph“ überzeugen. Auch „Exit Wound“ erfüllt seine Aufgabe als wuchtige Single, während der digitale Bonus „You Can’t Die Young“ eine kompakte, aber nicht zwingende Ergänzung darstellt. Mansons gealterte Stimme verleiht den Songs Charakter, wird in einzelnen Refrains jedoch unnötig stark bearbeitet. Der größte Einwand betrifft die Texte: Die konsequente Selbstbehauptung erzeugt Spannung, lässt aber wenig Raum für andere Blickwinkel und wiederholt ihre Feindbilder zu häufig. Musikalisch ist das zweite Kapitel dennoch fokussiert, atmosphärisch und über weite Strecken erstaunlich eingängig. Es rekonstruiert keinen vergangenen Schockrock-Moment, sondern zeigt einen älteren Marilyn Manson, der seine vertrauten Mittel gemeinsam mit Bates kontrollierter und melodischer einsetzt.

Trackliste
- Unalive
- Don’t Answer The Door
- Front Toward Enemy
- All The Vilest Things
- None Of The Suns
- You Can’t Die Young (Bonus der digitalen Expanded Edition)
- Lucifer’s Teardrop
- The Arsonist
- Exit Wound
- Enantiomorph
Credits
Interpret: Marilyn Manson
Titel: One Assassination Under God – Chapter 2
Herkunft: Los Angeles, Kalifornien, USA
Format: Album | CD, Vinyl, Kassette und digital
Veröffentlichung: 14. August 2026
Expanded Edition: 28. August 2026
Spielzeit: 42:58 Minuten | Expanded Edition: 46:32 Minuten
Genre: Industrial Metal | Gothic Rock | Alternative Metal | Darkwave
Label: Nuclear Blast Records
Songwriting und Produktion: Marilyn Manson und Tyler Bates
Aufnahme: Tyler Bates und Robert Carranza
Mix: Robert Carranza
Mastering: Howie Weinberg und Will Borza bei Howie Weinberg Mastering
Zweiter Toningenieur bei NRG Studios: Jake Rene
Artwork: Marilyn Manson
Layout: Rob Kimura
Fotografie: Joseph Cultice und Lindsay Elizabeth Warner
Besetzung: Marilyn Manson – Gesang | Tyler Bates – Gitarren, Bass, Keyboards und GuitarViol | Gil Sharone – Schlagzeug
Aufnahmestudios: The Abattoir, Los Angeles | NRG Studios, North Hollywood | EastWest Studios, Hollywood
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