Speed Stroke entfachen mit „Damage Control“ einen kontrollierten Rock-’n’-Roll-Flächenbrand (Musikplaylist) [ Hard Rock | Sleaze Rock | Street Metal ]

Schadensbegrenzung klingt eigentlich nach Vernunft, Vorsicht und dem Versuch, eine außer Kontrolle geratene Situation wieder einzufangen. Speed Stroke verstehen darunter allerdings etwas anderes. Auf ihrem vierten Studioalbum „Damage Control“ legen die Italiener den Rückwärtsgang gar nicht erst ein, sondern treten das Gaspedal durch und verwandeln den entstandenen Schaden in Treibstoff. Skandinavischer Sleaze Rock, amerikanischer Street Metal und die großen Hard-Rock-Melodien der Achtziger treffen auf eine moderne Produktion, die auch den letzten Winkel des Hörraums mit Gitarren, Gangshouts und der kraftvollen Stimme von Frontmann Jack ausfüllt. Revolutionär ist das nicht – verdammt unterhaltsam aber sehr wohl.

Hört hier das Album „Damage Control“ von Speed Stroke über die YouTube-Art-Track-Playlist an.

Vollgas statt vorsichtiger Schadensbegrenzung

Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 tragen Speed Stroke die Tradition des Sleaze und Street Metal mit bemerkenswerter Ausdauer weiter. Nach dem selbstbetitelten Debüt, „Fury“ und dem 2020 veröffentlichten „Scene Of The Crime“ klingt die Formation auf ihrem vierten Album so geschlossen wie selten zuvor. Die stilistischen Zutaten sind bekannt: Skid Row, W.A.S.P., Hardcore Superstar, Crashdïet und die bissigere Seite von H.E.A.T. schimmern immer wieder durch. Speed Stroke verwenden diese Einflüsse jedoch nicht als starre Bauanleitung, sondern setzen sie mit italienischem Melodiegespür, kräftigem Groove und einem erstaunlich metallischen Gitarrensound zusammen.

„Glorious Breakdown“ übernimmt ohne Anlauf die Führung. Dario Capacci von Trick Or Treat bearbeitet das Schlagzeug mit hohem körperlichem Einsatz, während D.B und Michael ihre Gitarren in einen schnellen, beinahe punkigen Vorstoß schicken. Jack setzt sich mit rauer Kraft über die Rhythmusgruppe und öffnet seine Stimme im Refrain zu einem breiten, sofort mitsingbaren Ausruf. Der Song verbindet die ungestüme Energie des Street Metal mit der melodischen Treffsicherheit moderner Sleaze-Bands und setzt damit die Messlatte früh ziemlich hoch.

„Heart Of The City“ nimmt das Tempo anschließend etwas zurück, bringt dafür aber deutlich mehr Hüftschwung in die Angelegenheit. Das Hauptriff besitzt eine bluesige Schwere, Fungo schiebt darunter einen angenehm präsenten Bass und der Refrain zielt unverschämt direkt auf das Langzeitgedächtnis. Hier klingt die Band weniger nach metallischer Attacke und stärker nach nächtlicher Großstadt, überhitztem Club und einer Straße, auf der die Leuchtreklamen längst heller strahlen als der Mond. Das ist Hard Rock mit bewusst eingesetzter Pose, aber auch mit genügend Substanz, um nicht zur bloßen Kostümveranstaltung zu verkommen.

Zwischen Kontrollverlust und Komfortzone

Die Titelnummer „Damage Control“ fasst den Grundgedanken des Albums zusammen. Soll entstandener Schaden begrenzt werden, damit alles möglichst unverändert bleibt? Oder muss man selbst einen kontrollierten Bruch herbeiführen, um aus einer lähmenden Komfortzone auszubrechen? Speed Stroke liefern darauf keine philosophische Vorlesung, sondern einen mächtigen Gitarrenriff, ein druckvolles Rhythmusfundament und einen Refrain, der seine Botschaft wesentlich wirkungsvoller vermittelt als jede langatmige Erklärung. Die Soli arbeiten mit melodischen Läufen und scharf gesetzten Spitzen, während Jack zwischen gereizter Angriffslust und hymnischer Größe wechselt.

„State Of Shock“ setzt diese Linie mit einem ausgeprägten Bühnencharakter fort. Die Strophen halten die Spannung eng, bevor sich der Refrain mit Gangshouts und einer breiten Gesangslinie öffnet. Hier zeigt sich, wie gut Speed Stroke inzwischen darin sind, Härte und Eingängigkeit gegeneinander auszubalancieren. Das Stück dürfte live besonders gut funktionieren, weil nahezu jede Passage darauf angelegt ist, eine unmittelbare Reaktion aus dem Publikum herauszuholen.

Bei „Italian Coglione“ darf der Humor schließlich mit an den Verstärker. Bereits der Titel macht deutlich, dass die Band für einige Minuten nicht alles bierernst nimmt. Der Refrain ist absichtlich überzeichnet, die Gitarren spielen mit rotziger Straßenattitüde und das gesamte Stück wirkt wie ein musikalischer Mittelfinger, der allerdings mit einem breiten Grinsen gezeigt wird. Wer bei Sleaze Rock ausschließlich tiefschürfende Lyrik erwartet, ist hier ohnehin im falschen Laden. Musikalisch bleibt die Nummer straff und besitzt genügend Druck, um nicht als bloßer Scherz aus der Albumdramaturgie zu fallen.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „Heart Of The City“ von Speed Stroke.

Blues, Saxofon und ein brennender Höhepunkt

„In Flames“ gehört zu den stärksten Stücken der Platte. Ein verzerrtes Arpeggio baut zunächst Spannung auf, bevor die Rhythmusgitarren mit deutlich stärkerer Heavy-Metal-Schlagseite einsetzen. Das Zusammenspiel von D.B und Michael ist präzise, aber nicht steril. Die Riffs besitzen Gewicht, die Leads schneiden sauber durch den Mix und der Refrain setzt einen melodischen Gegenpol zur Härte der Strophen. Hier gelingt der Band die Verbindung aus amerikanischem Hard Rock und traditionellem Metal besonders überzeugend.

Danach verändert „Blessed By Misery“ die Klangfarbe. Der Song arbeitet mit einem bluesigen Groove und lässt der Instrumentierung mehr Luft. Als Gast beteiligt sich Giorgia Colleluori von Sinner und IT’sALIE am Gesang. Ihre Stimme ergänzt Jacks rauen Vortrag hervorragend und gibt dem Stück einen eigenständigen Charakter. Ein Saxofon erweitert das Arrangement zusätzlich und bringt eine leicht verruchte Atmosphäre ein, die im direkten Umfeld der druckvollen Gitarrennummern besonders auffällt. Dieser Ausflug zahlt sich aus, weil Speed Stroke ihre vertraute Formel erweitern, ohne den Zusammenhang des Albums zu verlieren.

„All For The Weak End“ bleibt auf der groovenden Seite, fällt kompositorisch jedoch etwas schwächer aus. Die funkig angehauchte Rhythmik erinnert stark an jene Phase, in der zahlreiche Hair-Metal-Bands Ende der Achtziger versuchten, ihren Sound mit lockerem Funk Rock aufzufrischen. Das Stück ist handwerklich sauber und der Wortwitz des Titels bleibt hängen, wirkt im Vergleich zu den entschlosseneren Nummern aber etwas formelhaft. Fungo hält den Bass angenehm beweglich, kann allerdings nicht vollständig verhindern, dass sich der Song länger anfühlt, als er tatsächlich ist.

Auch „Walls“ setzt stärker auf Melodie als auf rohe Angriffslust. Der beinahe radiotaugliche Aufbau sorgt für Abwechslung, zählt aber nicht zu den charakteristischsten Momenten des Albums. Dafür entschädigt „Chain Reaction“ mit einem lässigen Boogie-Rhythmus, knurrenden Gitarren und einem Refrain, der die letzten Reserven mobilisiert. Zwischen Sleaze Rock, klassischem Hard Rock und einer Portion ZZ-Top-Schub bringt der Abschluss noch einmal Bewegung in die Bude und beendet die Platte mit einem selbstbewussten Grinsen.

Erik Mårtensson bringt die Gitarren auf Betriebstemperatur

Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung besitzt Erik Mårtensson. Der Eclipse-Frontmann übernahm Mix und Mastering in den Mass Destruction Production Studios und verpasst „Damage Control“ einen ausgesprochen kräftigen, internationalen Sound. Die Rhythmusgitarren stehen breit, während Soli und melodische Verzierungen sauber darüberliegen. Fungos Bass bleibt hörbar und Capaccis Schlagzeug besitzt einen wuchtigen Anschlag, ohne unnatürlich aufgeblasen zu wirken.

Die Produktion ist modern und stark verdichtet, lässt der Band aber noch genügend Luft zum Atmen. Gerade Jacks Stimme profitiert davon. Sein Vortrag besitzt eine kratzige Grundfärbung, kann sich in den hohen und kraftvollen Passagen jedoch weit öffnen. Gelegentlich erinnert diese Verbindung aus rauem Angriff und melodischer Höhe an Sebastian Bach zu frühen Skid-Row-Zeiten. Jack kopiert dessen Stil nicht, verfügt aber über eine vergleichbare Fähigkeit, selbst große Refrains mit glaubwürdiger Aggression zu führen.

Vollständig frei von Schwächen ist die Platte trotzdem nicht. Im letzten Drittel schleichen sich einige bekannte Genreformeln ein, und nicht jeder Refrain besitzt die Durchschlagskraft von „Glorious Breakdown“, „Damage Control“ oder „State Of Shock“. Mit zehn Songs und einer Spielzeit von knapp 39 Minuten ist das Album jedoch kompakt genug, um diese kleineren Durchhänger schnell zu überwinden. Speed Stroke kennen ihre musikalische Heimat und treten darin mit einer Überzeugung auf, die viele reine Retro-Projekte vermissen lassen.

Unsere Wertung:

8 von 10 Metalhands!

Unser Fazit:

„Damage Control“ liefert schnellen Street Metal, melodischen Sleaze Rock und klassischen Hard Rock in einer druckvollen, hervorragend produzierten Mischung. Besonders „Glorious Breakdown“, die Titelnummer, „In Flames“ und das abwechslungsreiche „Blessed By Misery“ zeigen Speed Stroke in starker Verfassung, während einige konventionellere Stücke im letzten Drittel das Niveau nicht vollständig halten können. Die Gitarrenarbeit ist erstklassig, Jack führt die großen Refrains mit rauer Autorität und Erik Mårtensson sorgt für den passenden Klang. Wer bei Skid Row, W.A.S.P., Crashdïet oder Hardcore Superstar sofort den Lautstärkeregler nach rechts dreht, sollte diesen italienischen Kontrollverlust keinesfalls verpassen.

Mehr zu Speed Stroke im Netz

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