MOB RULES öffnen mit „Stories From The Verdant Vale“ das Tor zu vergangenen Welten (Musikplaylist) [ Melodic Power Metal | Heavy Metal | Progressive Metal ]

Ein neues Studioalbum von Mob Rules nur ein Jahr nach „Rise Of The Ruler“? Ganz so einfach ist die Sache nicht. „Stories From The Verdant Vale“ vereint fünf während der letzten Produktionsphase des Vorgängers entstandene Kompositionen mit mehreren 2014 eingespielten Neuaufnahmen aus der Frühzeit der norddeutschen Power-Metal-Veteranen. Was zunächst nach einer klassischen Bonusverwertung klingt, entwickelt auf der limitierten Vinylfassung dennoch einen erstaunlich runden Charakter. Dafür sorgen starke Melodien, die markante Stimme von Klaus Dirks, mehrere namhafte Gäste und eine erste Plattenseite, die keineswegs wie ein Ausschusslager zweitklassiger Reststücke wirkt.

Hört hier rein

Kein neues Studioalbum – aber weit entfernt von Resteverwertung

Die ersten fünf Stücke wurden ursprünglich eigens für die Earbook-Ausgabe von „Rise Of The Ruler“ geschrieben. Mob Rules wollten diese Edition nicht mit Demos oder halbfertigen Skizzen auffüllen und komponierten stattdessen zusätzliches Material. Diese Entscheidung zahlt sich aus. Die Songs besitzen zwar eine direktere und kompaktere Ausrichtung als das Hauptalbum, stehen qualitativ aber stabil auf eigenen Beinen. Gleichzeitig führen sie zurück in jene erzählerische Welt, die Mob Rules auf „Rise Of The Ruler“ errichtet hatten.

„Savage Land Reprise“ öffnet das Tor mit martialischen Trommeln, Blechbläsern und später hinzukommenden Streichern. Das kurze Intro nimmt Motive des dreiteiligen Titelstücks vom 1999 veröffentlichten Debüt auf und schlägt damit eine Brücke über beinahe drei Jahrzehnte Bandgeschichte. Sobald die Stimme von Klaus Dirks aus der orchestralen Kulisse hervortritt, wirkt die Vergangenheit nicht wie ein nostalgisches Ausstellungsstück, sondern wie ein noch immer lebendiger Teil des Mob-Rules-Kosmos.

Danach fällt „Master Of The Black Crow“ ohne weitere Vorwarnung über den Hörer her. Eine keltisch gefärbte Gitarrenfigur setzt den Kurs, bevor Sven Lüdke und Florian Dyszbalis in einen straff galoppierenden Rhythmus wechseln. Der Song hält sich nicht mit überflüssigen Schleifen auf: Strophe, ein prägnanter Refrain, kurze instrumentale Zuspitzung und Schluss. Gerade diese Konzentration lässt die knapp drei Minuten ungemein wirkungsvoll erscheinen. Die Gitarren zitieren nicht offen, tragen aber deutlich jene melodische Doppelspitzen-DNA in sich, die seit frühen Iron Maiden zum Grundwortschatz des traditionellen Heavy Metal gehört.

Zwischen Maskenball und Mahlstrom

„Masquerade Ball“ gibt sich etwas kontrollierter, verliert aber keineswegs an Zugkraft. Bass und Schlagzeug legen ein kräftiges, gleichmäßig arbeitendes Fundament, über dem die Gitarren zwischen kompakten Riffs und melodischen Linien wechseln. Jan Christian Halfbrodt setzt seine Keyboards erfreulich gezielt ein. Sie schaffen räumliche Tiefe und unterstreichen den theatralischen Charakter, drängen sich jedoch nie vor die Saitenfraktion. Im Refrain besitzt das Stück genügend hymnische Größe für die Festivalbühne, während die rhythmischen Unterbrechungen verhindern, dass daraus bloßer Power-Metal-Zuckerguss wird.

Den deutlichsten Kontrast liefert „Above The Maelstrom“. Saubere Gitarren, zurückgenommene Tasten und ein behutsam aufgebautes Arrangement lassen Klaus Dirks viel Platz. Der Sänger nutzt diesen Freiraum nicht für eine übertriebene Gefühlsvorführung, sondern beginnt beinahe nachdenklich und steigert seine Stimme erst mit dem größer werdenden Refrain. Besonders das melodische Gitarrensolo im letzten Drittel bringt die melancholische Grundstimmung auf den Punkt. Die Ballade besitzt Pathos, bleibt dabei aber glaubwürdig und vermeidet jene klebrige Süße, an der vergleichbare Genrebeiträge nicht selten scheitern.

Seht hier das Video zu „Balance Of Power“ von Mob Rules.

Mit „Balance Of Power“ ziehen Mob Rules das Tempo wieder kräftig an. Sebastian Schmidt treibt die Band mit energischem Schlagzeugspiel vor sich her, während Markus Brinkmann den Gitarren einen festen Tieftonboden unterlegt. Der Refrain arbeitet geschickt mit dem Wechsel aus schnellen Attacken und kurzen ruhigeren Öffnungen. Dadurch entsteht Bewegung, ohne dass der Song seine griffige Linie verliert. Die Nummer ist klassischer Power Metal mit Heavy-Metal-Rückgrat: schnell, melodisch, präzise und auf den Punkt gebracht. Als Abschluss der digitalen EP funktioniert sie ausgezeichnet.

Prominente Stimmen aus dem Bandarchiv

Auf der zweiten Vinylseite ändert sich der Blickwinkel. Hier stehen keine weiteren Kompositionen aus den Sessions von 2025, sondern vier bereits 2014 angefertigte Neuaufnahmen sowie die spätere Single „Broken“. Der Bruch ist deutlich hörbar, ergibt innerhalb einer Veröffentlichung, die bewusst verschiedene Stationen der Bandgeschichte zusammenführt, aber durchaus Sinn. Vor allem die Gaststimmen verleihen dem älteren Material zusätzlichen Reiz.

„Celebration Day“ stammt ursprünglich vom zweiten Album „Temple Of Two Suns“ und erhält durch Bernhard Weiß von Axxis eine zusätzliche melodische Farbe. Seine hellere, kraftvolle Stimme ergänzt Klaus Dirks, ohne mit ihm um die Vorherrschaft zu kämpfen. Das Stück gewinnt dadurch an Größe, bleibt mit seinen fließenden Melodien und leicht progressiven Ausschmückungen aber unverkennbar Mob Rules.

Ganz anders fällt die Wirkung von „Insurgeria“ aus. Wenn Udo Dirkschneider sein unverwechselbares Reibeisen in den Song rammt, prallen zwei grundsätzlich verschiedene Gesangstypen aufeinander. Dirks führt die Melodie mit kontrollierter Kraft, während Dirkschneider die rauen Widerhaken setzt. Diese Gegensätzlichkeit macht den Reiz der Neuaufnahme aus. Die Gitarren bleiben geradlinig, das Tempo marschiert entschlossen voran und der Refrain erhält durch den prominenten Gast noch einmal erheblich mehr Biss.

Bei „Coast To Coast“ übernimmt Chity Somapala die Rolle des vokalen Partners. Seine variable, leicht angeraute Stimme passt besonders gut zu den dramatischen Steigerungen des Stücks. „End Of All Days“ bildet anschließend den ausladendsten Moment der Veröffentlichung. Gemeinsam mit Amanda Somerville entfaltet Klaus Dirks ein beinahe dialogisches Gesangsbild. Der über acht Minuten lange Song verbindet balladeske Zurückhaltung, große Melodien und kraftvolle Heavy-Metal-Passagen. Somerville bringt eine klare, elegante Gegenstimme ein, ohne dass die Komposition ihren ursprünglich ernsten Charakter verliert.

Das 2015 als Single veröffentlichte „Broken“ beschließt die Reise kompakter und moderner. Nach den ausladenden Bögen von „End Of All Days“ wirkt der geradlinige Aufbau beinahe wie ein abschließender Befreiungsschlag. Der Titel greift noch einmal die großen Stärken der Band auf: klare Melodieführung, einen sofort verständlichen Refrain und genügend metallischen Druck, um nicht im melodischen Wohlklang zu versinken.

Druckvoller Klang mit bewusstem historischen Bruch

Der von Markus Teske verantwortete Mix der neuen Stücke schafft eine breite, klar gegliederte Klangbühne. Die beiden Gitarren sind sauber voneinander getrennt, der Bass bleibt selbst unter den dichten Harmonien wahrnehmbar und das Schlagzeug besitzt einen trockenen, kräftigen Anschlag. Die Keyboards füllen den Raum, ohne die Riffs weichzuzeichnen. Vor allem die Stimme von Klaus Dirks steht präsent im Zentrum. Sie klingt kraftvoll, aber nicht künstlich aufgeblasen.

Zwischen der ersten und zweiten Plattenseite lässt sich die unterschiedliche Entstehungszeit nicht vollständig verbergen. Das ist weniger ein Produktionsfehler als eine Folge des zusammengestellten Formats. Als geschlossenes Studioalbum wäre „Stories From The Verdant Vale“ deshalb nur bedingt zu bewerten. Als Sonderveröffentlichung und Rückschau funktioniert die Platte hingegen überzeugend. Das starke Artwork von Stan W. Decker bindet die verschiedenen Kapitel zusätzlich in die fantastische Bildwelt des Vorgängers ein.

Unsere Wertung:

8 von 10 Metalhands!

Unser Fazit:

„Stories From The Verdant Vale“ ist weder ein vollständig neues Studioalbum noch eine lieblos zusammengestellte Resterampe. Die fünf neueren Stücke zeigen Mob Rules kompakt, melodisch und erstaunlich angriffslustig, wobei „Master Of The Black Crow“, „Above The Maelstrom“ und „Balance Of Power“ besonders hervorstechen. Auf der zweiten Vinylseite machen Bernhard Weiß, Udo Dirkschneider, Chity Somapala und Amanda Somerville die Neuaufnahmen aus dem Bandarchiv zu einer kurzweiligen Reise in die Vergangenheit. Für Gelegenheitshörer bleibt „Rise Of The Ruler“ der wichtigere Einstieg, doch Fans und Vinylsammler erhalten hier eine hochwertige Sonderveröffentlichung mit deutlich mehr Substanz, als der Begriff Bonusmaterial zunächst vermuten lässt.

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