Android 86 – „Murder Hobo Martha“: Zwei EPs zwischen brachialem Industrial Metal, düsterer Fantasy und tödlichem Dungeon-Wahnsinn (Musikplaylist) [ Industrial Metal | Modern Metal ]

Industrial Metal kann ausgesprochen vielseitig sein. Das amerikanische Musikprojekt Android 86 nutzt diese Möglichkeiten für zwei Veröffentlichungen, die schwere Gitarrenarrangements, progressive Strukturen und elektronische Klanggestaltung mit einer ungewöhnlichen Fantasy-Geschichte verbinden. Auf den EPs „Murder Hobo Martha“ und „Murder Hobo Martha, Vol. 2“ erzählt Musiker Anthony Damasco von einer erfolglosen Abenteurerin, die sich durch einen lebensgefährlichen Dungeon kämpft und dabei zunehmend ihren Verstand verliert. Musikalisch stehen kraftvolle Riffs, dynamische Rhythmusarbeit und ein bemerkenswert abwechslungsreicher Gesang im Vordergrund. Ergänzt wird das Konzept durch Retro-Gaming-Elemente, düstere Synthesizer und ein aufwendiges Sounddesign.

Murder Hobo Martha: Progressive Härte und elektronische Klangwelten

Hört hier die vollständige EP „Murder Hobo Martha“ von Android 86.

Ein kompromissloser Auftakt

Bereits „I’ll Power Level Myself!“ zeigt, dass Android 86 beim Songwriting ausgesprochen ambitioniert vorgehen. Rasante Double-Bass-Drums treiben die Komposition voran, während tiefe Gitarrenriffs und ein druckvoller Bass für ein ausgesprochen schweres Fundament sorgen. Darüber entfalten sich verspielte Leadgitarren, deren technische Finessen dem Arrangement einen progressiven Charakter verleihen. Die elektronischen Elemente erweitern den Sound, ohne dessen metallische Härte zu verwässern.

Ein besonderes Merkmal ist die weibliche Gesangsstimme. Melodische, stellenweise beinahe sopranartige Linien wechseln mit gutturalen Passagen und aggressiven Ausbrüchen. Dieser Kontrast verleiht dem Auftakt eine bemerkenswerte Dynamik. Inhaltlich beschreibt der Song die Entscheidung der vollkommen unterlegenen Kämpferin Martha, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Jeder Rückschlag wird zu einer weiteren Erfahrung. Allerdings verliert sie durch die unzähligen Wiederbelebungen allmählich den Bezug zu ihrer ursprünglichen Persönlichkeit.

Nach „Black Unicorn Exploit“, das die ungewöhnliche Ausrüstung der Hauptfigur erweitert, folgt mit „Mimic the Mimic“ eine ausgesprochen griffige Industrial-Metal-Komposition. Das Tempo bewegt sich überwiegend im mittleren Bereich, wobei die Rhythmusgitarren und der satte Bass eine kompakte Klangwand aufbauen. Präzise Schlagzeugpassagen mit Double-Bass-Akzenten treiben die Nummer an. Der Song erzählt von Marthas Begegnung mit einer als Schatztruhe getarnten Kreatur. Statt sich allein auf körperliche Stärke zu verlassen, nutzt sie Geduld und eine absurde Täuschungsstrategie, um ihren Gegner schließlich zu besiegen.

Zwischen düsteren Synthesizern und extremer Metalästhetik

Mit „Level Ten Lunch“ zeigt sich eine weitere Facette des Projekts. Die stampfende Rhythmik und die Verbindung aus elektronischen Schlagzeugelementen und verzerrten Gitarren erinnern setzt Android 86 auf eine etwas beweglichere Komposition. Synthesizer, vereinzelte Klavierakzente und melodische Gesangslinien schaffen zusätzliche Kontraste. Das Arrangement bleibt durchgehend kraftvoll und besitzt einen überzeugenden Groove.

Eine deutlich bedrohlichere Atmosphäre entwickelt „Merman Toxicide“. Tiefe Bassfrequenzen, schwere Gitarrenriffs und dunkle Synthesizerflächen verleihen dem Titel eine ausgesprochen düstere Klangästhetik. Gesprochene Passagen ergänzen die Musik um eine makabre Handlung. Martha versucht, ein von gefährlichen Wasserwesen bevölkertes Gewässer zu überqueren, und greift dabei zu einer brutalen Methode, die zugleich ihren fortschreitenden moralischen Verfall verdeutlicht. Gerade das homogene Zusammenspiel von elektronischer Atmosphäre und schwerem Metal überzeugt hier besonders.

Mit „I’m Not a Mob!“ findet die erste EP einen passenden Abschluss. Ein schwerer Midtempo-Groove bildet das musikalische Fundament, während der Gesang zwischen aggressiven und erzählerischen Passagen wechselt. Die Geschichte führt Martha nach langer Isolation mit anderen Abenteurern zusammen. Allerdings wird sie aufgrund ihres Erscheinungsbildes selbst für ein feindliches Wesen gehalten. Die anschließende Konfrontation zeigt, wie weit sich die Kämpferin inzwischen von ihrer ursprünglichen Identität entfernt hat. Android 86 gelingt damit ein Schlussstück, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich den Übergang zur Fortsetzung vorbereitet.

Murder Hobo Martha, Vol. 2: Der Industrial Metal bekommt eine weitere Dimension

Hört hier die vollständige EP „Murder Hobo Martha, Vol. 2“ von Android 86.

Mehr Sounddesign, mehr Dynamik und ein ungewöhnliches Gesangsbild

Auf „Murder Hobo Martha, Vol. 2“ entwickelt Anthony Damasco den musikalischen Ansatz seines Vorgängers weiter. Während die erste Veröffentlichung vor allem mit progressiven Gitarrenarrangements und extremer rhythmischer Härte arbeitet, rückt die Fortsetzung das Sounddesign stärker in den Mittelpunkt. Schwere Industrial-Metal-Riffs treffen auf dunkle Synthesizer, elektronische Spieleffekte und eine bewusst warme, leicht retroorientierte Produktion. Sämtliche Gesangspassagen werden von der KI-gestützten Gesangspersona Lyra übernommen, deren Ausdruck von melodischen Linien bis hin zu aggressiven Ausbrüchen und gesprochenen Charakterdialogen reicht.

Mit „Party Carry Energy“ beginnt das zweite Kapitel unmittelbar dort, wo die Geschichte zuvor endete. Martha hat in der Klerikerin Denise eine vermeintliche Gefährtin gefunden, die inzwischen jedoch nur noch als Skelett existiert. Davon lässt sich die Hauptfigur wenig beeindrucken. Das Resultat ist eine ausgesprochen makabre Erzählung über eine einseitige Freundschaft. Musikalisch stehen schwere Rhythmusgitarren, ein druckvolles Schlagzeug und markante Gesangspassagen im Vordergrund. Die verschiedenen Stimmen und Erzählsequenzen bilden einen wesentlichen Bestandteil des Arrangements.

„Bad Slime!“ erhöht anschließend den Actionanteil. Geräuscheffekte werden gezielt in die musikalischen Abläufe eingebunden und illustrieren Marthas Versuch, Denise aus einem gefährlichen Schleimwesen zu befreien. „Skeleton Crew“ gehört zu den interessantesten Beispielen für die Verbindung aus erzählerischen Elementen und griffigem Metal. Die wuchtigen Gitarrenpassagen geben der Komposition ihren charakteristischen Druck, während der Refrain einen einprägsamen Gegenpol zur turbulenten Handlung bildet. Hier zeigt sich, dass Android 86 trotz aller Experimentierfreude auf klare musikalische Strukturen Wert legt.

Atmosphärische Spannung und ein kraftvoller Abschluss

Mit „Mist in the Hall“ wird die Handlung etwas ernster. Martha begegnet zwei geheimnisvollen Gestalten und erhält die Möglichkeit, den Dungeon zu verlassen. Dafür müsste sie allerdings ihre verstorbene Begleiterin zurücklassen. Die atmosphärische Ausrichtung des Stücks passt zu dieser Entscheidung. Die elektronischen Klangflächen und die erzählerische Gestaltung geben der Musik eine andere Gewichtung als in den unmittelbar härteren Nummern.

Bei „Party Dispute“ rücken die aggressiven Elemente wieder stärker in den Vordergrund. Ein Nekromant erweckt Denise zum Leben und zwingt sie, Martha anzugreifen. Die Konfrontation wird mit kraftvollen Metalpassagen und zahlreichen Effekten untermalt. Dabei fällt auf, wie konsequent Android 86 die akustischen Ereignisse in die Arrangements einarbeitet. Die Musik soll nicht lediglich eine Geschichte begleiten, sondern deren Spannung unmittelbar vermitteln.

Den Abschluss übernimmt „BFF Denise“. Martha besitzt inzwischen einen Zauberstab, mit dessen Hilfe sie ihre skelettierte Freundin tatsächlich bewegen kann. Nach zahlreichen Missverständnissen entwickelt sich endlich eine funktionierende Zusammenarbeit. Die musikalische Gestaltung verbindet die harte Industrial-Metal-Basis mit melodischen Passagen und einem deutlich geschlosseneren erzählerischen Ausgang. Gerade im direkten Vergleich zum Vorgänger fällt auf, wie stark Android 86 das Verhältnis zwischen Musik, Atmosphäre und Handlung ausgebaut haben.

Produktion: Druckvoller Metal trifft auf künstliche Stimmen

Das Produktionskonzept verdient eine gesonderte Betrachtung. Anthony Damasco komponiert die Musik, schreibt die Texte und spielt Gitarren sowie Bass selbst ein. Für Gesang, Schlagzeug und weitere Produktionselemente verwendet er KI-gestützte Werkzeuge, wobei die virtuellen Stimmen auf bearbeitetem menschlichem Ausgangsmaterial basieren. Dieser Arbeitsprozess wird vom Musiker offen kommuniziert.

Im Mittelpunkt der musikalischen Beurteilung stehen deshalb die Kompositionen und ihre klangliche Umsetzung. Die massiven Rhythmusgitarren, das ausgeprägte Bassfundament und die zahlreichen elektronischen Elemente ergeben ein geschlossenes Klangbild. Besonders die Wechsel zwischen druckvollen Metalpassagen und atmosphärischen Abschnitten sind überzeugend angelegt. Die Verbindung unterschiedlicher Gesangstechniken erweitert das Spektrum zusätzlich.

Ganz ohne Kritik bleibt das Konzept allerdings nicht. Die zahlreichen Erzählpassagen und Geräuscheffekte können den musikalischen Fluss gelegentlich unterbrechen. Wer Industrial Metal hauptsächlich wegen seiner unmittelbaren rhythmischen Wucht hört, dürfte sich stellenweise eine stärkere Konzentration auf die eigentlichen Songs wünschen. Zudem erreicht die dramaturgische Dichte nicht in jeder Komposition dieselbe Wirkung. Dennoch überwiegen die musikalischen Stärken deutlich. Gerade die Gitarrenarbeit, die rhythmischen Arrangements und das durchdachte Sounddesign hinterlassen einen positiven Eindruck.

Unsere Wertung:

8,5 von 10 Metalhands!

Unser Fazit:

Android 86 liefern mit „Murder Hobo Martha“ und „Murder Hobo Martha, Vol. 2“ zwei bemerkenswert vielseitige Industrial-Metal-Veröffentlichungen ab. Der erste Teil überzeugt insbesondere durch seine rasanten Double-Bass-Passagen, griffigen Gitarrenriffs, progressiven Kompositionen und den ausdrucksstarken Gesang. Die Fortsetzung erweitert dieses Fundament um eine noch ausgeprägtere elektronische Klanggestaltung und zahlreiche erzählerische Details.

Auch wenn die Dialoge und Soundeffekte gelegentlich zulasten des musikalischen Flusses gehen, überzeugen beide EPs durch ihre kompositorische Qualität, druckvolle Arrangements und eine sorgfältig ausgearbeitete Klangästhetik. Anthony Damasco gelingt eine eigenwillige Kombination aus harter Musik und fantastischer Erzählung, die besonders für experimentierfreudige Industrial-Metal-Fans interessant sein dürfte. Ein starkes Doppelwerk mit eigenständigem Charakter und zahlreichen musikalischen Höhepunkten.

Murder Hobo Martha – Trackliste und Credits

Murder Hobo Martha, Vol. 2 – Trackliste und Credits

Mehr zu Android 86 im Netz

Android 86 – Die offizielle Webseite:
https://android86.com/

Android 86 bei Facebook:
https://www.facebook.com/Android86Project/

Android 86 bei Spotify:
https://open.spotify.com/artist/6YJtlFrh56wIVQcBYTAQbc

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