Ein Vergaser mischt Luft und Kraftstoff, bevor ein Funke das Gemisch entzündet. Bei The Carburetors reicht dafür offenbar ein Griff zum Lautstärkeregler. Auf „We Ride At Night“ treiben die fünf Norweger ihren selbst ernannten Fast Forward Rock’n’Roll mit aufgedrehten Verstärkern, rauem Gesang und einer Rhythmusgruppe voran, die Stillstand grundsätzlich als Defekt betrachtet. Ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung denken The Carburetors nicht daran, ihren Motor auf einen sparsameren Betrieb umzurüsten. Stattdessen verbinden sie klassischen Rock’n’Roll, schnörkellosen Hard Rock, Heavy Metal und Punk-Attitüde zu zehn kompakten Nummern, die irgendwo zwischen Chuck Berry, AC/DC, Motörhead und skandinavischem Hochgeschwindigkeitsrock ihre Ideallinie finden. Überraschend ist das nur selten, aber derart entschlossen und mitreißend gespielt, dass Widerstand zwecklos erscheint.
Der Motor springt ohne Warmlaufphase an
Das kurze „Intro“ lässt zunächst eine bedrohliche, beinahe filmische Atmosphäre aufziehen, bevor „Down In Flames“ den Schalter umlegt. Die Gitarren von Chris Marchand und Phillie Obuskovic liefern sich ein energisches Wechselspiel aus treibenden Akkorden, bluesigen Leads und kurzen melodischen Antworten. Darunter halten Bassist King ‚O‘ Men und Schlagzeuger Chris Nitro die Maschine mit einem straffen, angenehm körperlichen Groove auf Kurs. Der Refrain setzt auf gemeinschaftlich gebrüllte Stimmen und besitzt genau jene unmittelbare Qualität, die vor einer Bühne ebenso funktioniert wie aus einem überforderten Autoradio. Sänger Eddie Guz trägt den Song mit seiner tiefen, angerauten Stimme und verzichtet erfreulicherweise auf jeden Versuch, die Musik künstlich zu veredeln. Hier geht es um Haltung, Lautstärke und einen Refrain, der nach wenigen Durchläufen fest im Kopf sitzt.
„Let You Down“ nimmt das Tempo ein wenig zurück, wirkt dadurch jedoch keineswegs zahmer. Die Gitarren arbeiten schwerer, der Rhythmus besitzt einen lässigen Hard-Rock-Gang, und die Melodieführung zeigt, dass The Carburetors nicht ausschließlich auf Geschwindigkeit angewiesen sind. Gerade dieser Song profitiert von der trockenen, direkten Produktion. Die Instrumente stehen klar nebeneinander, ohne steril voneinander getrennt zu wirken. Das Schlagzeug besitzt Druck, der Bass bleibt hörbar, und die Gitarren dürfen ausreichend rau aus den Lautsprechern brechen. Die Aufnahme vermittelt weniger den Eindruck einer auf Hochglanz polierten Studiokonstruktion als den einer Band, die gemeinsam in einem Raum steht und ihre Verstärker bis an die Belastungsgrenze fährt.
Fast Forward Rock’n’Roll als Glaubensbekenntnis
Mit „I Wanna Rock’n’Roll“ legen The Carburetors ihr musikalisches Programm offen auf den Tisch. Der Titel lässt keinerlei Interpretationsspielraum, und genauso direkt fällt die Umsetzung aus. Ein kurzer Schrei, ein sofort zupackendes Riff und ein Rhythmus, der ohne Umweg nach vorne schiebt: Komplexität spielt hier keine Rolle. Entscheidend ist, dass jede Note mit Überzeugung gespielt wird. Die Gitarren wechseln zwischen geradlinigen Rock-Akkorden und einem bissigen Solo, während der Refrain darauf ausgelegt ist, von einem ganzen Club mitgebrüllt zu werden. Gerade weil die Band ihre Liebe zum klassischen Rock’n’Roll nicht ironisch kommentiert, sondern vollkommen ernst nimmt, funktioniert der Song.
„Rock’n’Roll Never Dies“ schlägt anschließend stärker in Richtung klassischer Boogie-Riffs aus. Die Nähe zu älteren AC/DC ist deutlich zu hören, wird aber durch den härteren Anschlag und die rauere Gesangsarbeit in den eigenen Bandsound überführt. Chris Nitro setzt wirkungsvolle Fills, während die Gitarren das zentrale Riff immer wieder variieren, ohne seine Eingängigkeit zu beschädigen. „Shot At Dawn“ erhöht das Tempo erneut und gehört zu den aggressiveren Nummern des Albums. Der Bass drückt kräftig gegen die Gitarren, die Strophen besitzen eine punkige Kürze, und im Refrain bündeln The Carburetors ihre Energie zu einem der stärksten Live-Momente der Platte. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie gut die Band ihre begrenzten Mittel kennt und wie effektiv sie diese einsetzt.
Boogie bis zum letzten Takt
„You Need It Loud“ macht seinem Namen alle Ehre, setzt innerhalb des Albums aber überraschend stark auf einen lockeren, eingängigen Groove. Der Song lässt den Instrumenten Luft, arbeitet mit einem reduzierten Riff und stellt Eddie Guz‘ Stimme besonders wirkungsvoll in den Mittelpunkt. Erinnerungen an Danko Jones sind erlaubt, vor allem aufgrund der Verbindung aus selbstbewusster Gesangsführung, minimalistischem Aufbau und unmittelbar zündendem Refrain. Danach zieht „Electric Shock“ das Tempo wieder an. Der Bass brummt bedrohlich unter den Gitarren, das Schlagzeug hämmert einen geradlinigen Takt, und Guz nähert sich mit seiner rauen Artikulation stellenweise jener kompromisslosen Ausdruckskraft, die Lemmy Kilmister zum unverwechselbaren Sänger machte. Eine Kopie entsteht daraus dennoch nicht, denn die beiden Gitarren bringen ausreichend skandinavischen Hard-Rock-Einschlag in die Nummer.
„Sharpen The Blades“ erweitert das Klangbild um etwas mehr Melodie. Der Refrain öffnet sich, die Gitarrenlinien wirken weniger gedrängt, und die Band beweist, dass sie auch bei leicht reduziertem Druck überzeugend bleibt. Große stilistische Risiken gehen The Carburetors allerdings weiterhin nicht ein. Die Themen kreisen um Rock’n’Roll, Lautstärke, Unbeugsamkeit und das Leben nach den eigenen Regeln. Auch einige Songstrukturen ähneln sich deutlich. Wer nach überraschenden Wendungen, komplexen Arrangements oder inhaltlicher Tiefenschärfe sucht, wird auf „We Ride At Night“ kaum fündig werden. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass diese Platte solche Erwartungen nie weckt. Sie verspricht eine gute halbe Stunde geradlinigen Hochgeschwindigkeitsrock und hält dieses Versprechen ohne Aussetzer ein.
Zum Abschluss führt „Who Likes To Boogie“ die Musik zurück zu ihren frühen Grundlagen. Ein federnder Rhythmus, klassische Rock’n’Roll-Gitarren und eine Gesangsmelodie, die unweigerlich an die Pioniere der Fünfzigerjahre erinnert, treffen auf die deutlich höhere Verstärkerleistung einer modernen Hard-Rock-Band. Chuck Berry und Elvis Presley werden gewissermaßen durch einen skandinavischen Hochleistungsverstärker geschickt. Damit findet das Album einen passenden Abschluss: ausgelassen, traditionsbewusst und vollkommen frei von falscher Zurückhaltung.
Unsere Wertung:
8 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
The Carburetors erfinden auf „We Ride At Night“ weder den Hard Rock noch den Rock’n’Roll neu. Genau darin liegt jedoch ein großer Teil der Stärke dieses Albums. Die Norweger kennen ihren Sound, ihre Einflüsse und ihre Aufgabe. Sie schreiben kurze, griffige Songs, verzichten auf unnötige Umwege und spielen jeden Refrain mit der Überzeugung einer Band, die auch nach 25 Jahren noch an die verbindende Kraft lauter Gitarren glaubt. Besonders „Down In Flames“, „Let You Down“, „Rock’n’Roll Never Dies“, „Electric Shock“ und „Who Likes To Boogie“ überzeugen mit starken Riffs, eingängigen Refrains und einer Rhythmusarbeit, die unmittelbar in die Beine fährt.
Die Kehrseite dieser Konsequenz ist die begrenzte stilistische Bandbreite. Inhaltlich und strukturell wiederholt sich das Album stellenweise, während die kurze Spielzeit kaum Raum für Experimente lässt. Doch „We Ride At Night“ möchte kein vielschichtiges Konzeptwerk sein. Es ist der Soundtrack für überfüllte Clubs, lange Nächte, hochgereckte Fäuste und Verstärker, deren Lautstärkeregler längst den vernünftigen Bereich verlassen haben. Wer Motörhead, klassischen AC/DC-Boogie, Danko Jones und energiegeladenen skandinavischen Hard Rock schätzt, findet hier eine kompakte und ausgesprochen unterhaltsame Platte.

Trackliste
- Intro
- Down In Flames
- Let You Down
- I Wanna Rock’n’Roll
- Rock’n’Roll Never Dies
- Shot At Dawn
- You Need It Loud
- Electric Shock
- Sharpen The Blades
- Who Likes To Boogie
Credits
Interpret: The Carburetors
Titel: We Ride At Night
Herkunft: Oslo, Norwegen
Format: Album
VÖ: 19. Juni 2026
Spielzeit: 32:29 Minuten
Genre: Hard Rock | Rock’n’Roll | Heavy Metal
Label: Fast Forward Records
Vertrieb: Musikkoperatørene
Besetzung: Eddie Guz | Chris Marchand | Phillie Obuskovic | King ‚O‘ Men | Chris Nitro
Mehr zu The Carburetors im Netz
The Carburetors – Die offizielle Webseite:
https://thecarburetors.com/
The Carburetors bei Instagram:
https://www.instagram.com/thecarburetors/
We Ride At Night bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/album/5W7mmiiDNIZwp6202DY0wV