KMFDM gehören zu jenen Formationen, deren Geschichte beinahe ebenso unwahrscheinlich klingt wie ihre Musik. Gegründet wurde das Projekt am 29. Februar 1984 von Sascha Konietzko und dem Künstler Udo Sturm im Rahmen einer Ausstellung im Pariser Grand Palais. Aus einer Performance mit Synthesizern, Bassverstärkern und polnischen Bergarbeitern, die auf Teile des Gebäudes einschlugen, entstand eine der langlebigsten Institutionen der Industrial-Szene. Über den Hamburger Underground, die Zusammenarbeit mit En Esch und Raymond Watts sowie den Wechsel zum einflussreichen Chicagoer Label Wax Trax! Records entwickelte sich aus dem Kunstprojekt eine internationale Band. Alben wie „Naïve“, „Angst“, „Nihil“, „Xtort“ und „Symbols“ verbanden elektronische Tanzmusik, metallische Gitarren und politische Provokation zu jenem Klang, den Konietzko bis heute als Ultra Heavy Beat bezeichnet.
1999 versuchten Teile der Öffentlichkeit sogar, KMFDM eine Mitschuld am Massaker an der Columbine High School zuzuschieben. Einer der Täter, Eric Harris, hatte Texte der Songs „Son Of A Gun“, „Stray Bullet“ und „Waste“ auf seiner Internetseite veröffentlicht. Hinzu kam der makabre Zufall, dass das bereits lange zuvor geplante Album „Adios“ ausgerechnet am 20. April 1999, dem Tag des Verbrechens, erschien. Medien griffen diese Verbindungen auf und machten erneut Kunst, Computerspiele und Subkultur zu bequemen Sündenböcken für ein gesellschaftliches Versagen. Sascha Konietzko reagierte mit einer klaren Verurteilung der Tat und stellte heraus, dass die Musik von KMFDM seit ihren Anfängen gegen Krieg, Unterdrückung, Faschismus und Gewalt gerichtet sei. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Songs der Band und dem Verbrechen gab es nicht. Die Episode zeigt jedoch, wie schnell provokante Kunst verantwortlich gemacht wird, wenn komplexe Ursachen nicht in eine einfache Schlagzeile passen.
Mehr als vier Jahrzehnte nach der Gründung stehen KMFDM noch immer auf der Seite der Unangepassten. Auf ihrem nach eigener Zählung 24. Studioalbum „ENEMY“ erklären sie Außenseiter, Subkulturen, queere Menschen, Andersdenkende und alle, die sich dem Chor der Angepassten verweigern, zu Feinden einer autoritärer werdenden Ordnung. Das am 6. Februar 2026 über Metropolis Records veröffentlichte Werk verbindet diese Haltung mit wuchtigen Gitarren, elektronischen Bassläufen, Industrial Metal, Dance Rock, Funk, Dub und einem ausgesprochen schwarzen Sinn für Humor. „ENEMY“ ist keine nostalgische Ehrenrunde, sondern ein Album, das seine Maschinen noch einmal ölt, die Verstärker hochfährt und anschließend einen Molotowcocktail auf die Tanzfläche stellt.
Wer nicht schweigt, wird zum Feind erklärt
Der Titelsong „ENEMY“ eröffnet das Album mit einem breiten Gitarrenriff, einem stampfenden elektronischen Rhythmus und Sascha Konietzkos unverkennbar tiefem, angerautem Gesang. Das Stück formuliert keine komplizierte politische Abhandlung, sondern arbeitet wie ein Flugblatt, das direkt aus den Lautsprechern geschossen wird. Gemeint sind jene Menschen, die sich nicht anpassen, die Ungerechtigkeit benennen und sich weder von Regierungen noch von gesellschaftlichen Mehrheiten zum Schweigen bringen lassen. KMFDM verstehen den Begriff des Feindes nicht als Beleidigung, sondern als Auszeichnung: Wer für autoritäre Kräfte, Heuchler und Menschenfeinde unbequem wird, hat offenbar etwas richtig gemacht.
Musikalisch ist „ENEMY“ ein klassischer KMFDM-Auftakt. Die Strophen treten kontrolliert auf, während der Refrain auf größtmögliche Wirkung ausgelegt ist. Andy Selway und Konietzko errichten aus programmierten Schlägen und elektronischer Tiefe ein Rhythmusfundament, das weniger rollt als marschiert. Darüber liegen Gitarren, die nicht als bloße Dekoration behandelt werden. Konietzko spielte auf diesem Album erstmals einen großen Teil der Rhythmusgitarren selbst und veränderte damit die Gewichtung gegenüber den stärker von Synthesizern bestimmten Vorgängern. Der Klang wirkt körperlicher, direkter und an vielen Stellen schmutziger.
Ganz frei von Gewohnheit ist der Titeltrack dennoch nicht. Das Riff, die Parolen und die Wechselwirkung aus Elektronik und Metal folgen einem Bauplan, den KMFDM über Jahrzehnte perfektioniert haben. Der Refrain bleibt hängen, wirkt in seiner Direktheit aber auch etwas vorhersehbar. Als Eröffnung funktioniert der Song trotzdem, weil er Haltung, Klang und Thema des Albums in etwas mehr als vier Minuten bündelt. Hier wird keine Tür höflich geöffnet. Sie wird mit einem schweren Stiefel aus den Angeln getreten.
Mit „OUBLIETTE“ folgt bereits einer der stärksten Titel des Albums. Der französische Begriff bezeichnet ein verborgenes Verlies, das häufig nur durch eine Öffnung in der Decke erreichbar war und in dem Gefangene buchstäblich vergessen wurden. Lucia Cifarelli übersetzt dieses Bild in eine gleichermaßen verletzliche und kämpferische Gesangsleistung. Ihre Stimme gleitet zunächst kühl über die elektronische Oberfläche, gewinnt im Verlauf aber immer mehr Kraft. Der Song verbindet Gothic Rock, Dance Rock und Industrial Metal, ohne einen dieser Bereiche vollständig zu übernehmen.
Besonders gelungen ist die Dramaturgie. „OUBLIETTE“ beginnt mit genügend Raum für Cifarellis Melodie, bevor Schlagzeug, Bass und Gitarren den Refrain nach vorne schieben. Das post-punkige Gitarrenspiel erzeugt eine nächtliche Atmosphäre, die an einen Club zwischen schwarzem Samt, kaltem Beton und flackerndem Licht erinnert. Unter der melodischen Oberfläche bleibt der industrielle Druck jederzeit spürbar. Der Song ist zugänglich, aber nicht harmlos, tanzbar, aber nicht sorglos. Genau diese Balance macht ihn zu einem Höhepunkt.
Der Staat, der Vampir und der Ultra Heavy Beat
„L’ETAT“ zieht die Schrauben anschließend deutlich fester an. Der französische Titel und die wiederkehrende Anspielung auf den absolutistischen Ausspruch Ludwigs XIV. stellen den Staat als selbstherrliche Macht dar, die keine Grenze zwischen Regierung, Herrscher und persönlichem Besitz mehr kennt. Konietzko verkörpert diese Haltung mit einem herrischen, beinahe karikaturhaft autoritären Vortrag. Das Stück klagt den Tyrannen nicht von außen an, sondern lässt ihn selbst auftreten, bis seine Selbstüberhöhung grotesk und bedrohlich zugleich wirkt.
Musikalisch gehört „L’ETAT“ zu den härtesten Momenten der Platte. Große Powerchords, orchestrale Samples und ein schwerer elektronischer Puls bewegen sich wie eine Militärparade durch das Arrangement. Der neue Gitarrist Tidor Nieddu verstärkt die von Konietzko gelegte Grundlage mit zusätzlichen Spuren, schneidenden Leads und einem dissonanten Solo, das die starre Ordnung des Songs gegen Ende aufbrechen lässt. Die Nähe zu modernem Industrial Metal ist deutlich, doch die sarkastische Überzeichnung bleibt unverkennbar KMFDM.
„VAMPYR“ entzieht sich danach dem Gleichschritt. Der Song bewegt sich mit einem dunklen Funk-Groove, trip-hopartiger Atmosphäre und einer beinahe lasziven Gesangslinie durch die Nacht. Lucia Cifarelli klingt kontrolliert, verführerisch und gefährlich. Der Vampir erscheint nicht als romantischer Aristokrat, sondern als Wesen, das Energie, Aufmerksamkeit und Gefühle aus anderen Menschen saugt. Der Rhythmus von Andy Selway wirkt organischer als die vollständig programmierten Passagen des Albums und verleiht dem Stück einen lebendigen Unterbau.
Die Gitarren bleiben zunächst im Hintergrund, zeigen dann aber ihre Zähne. Nieddu versteht es, keine Fremdsprache über den KMFDM-Sound zu legen. Seine Leads passen sich den elektronischen Strukturen an und erweitern sie, statt gegen sie anzuspielen. Gerade in „VAMPYR“ wird deutlich, weshalb seine Verpflichtung ein Gewinn ist. Er beherrscht sowohl die grobe metallische Attacke als auch schmutzige Rock’n’Roll-Figuren und kurze, effektvolle Soli.
Eine neue Generation übernimmt das Mikrofon
Der fünfte Titel „YOÜ“ stellt eine wichtige personelle Erweiterung vor. Annabella Konietzko, die Tochter von Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli, erhält hier ihren ersten vollständigen Songwriting-Credit für KMFDM. Nachdem sie bereits während der Jubiläumstournee mit der Band aufgetreten war, bringt sie nun eine hörbar jüngere Perspektive in das Studio. Ihre Stimme ist heller, poppiger und weniger martialisch als die ihrer Eltern. Gerade deshalb funktioniert sie als Kontrast zur elektronischen Attacke.
Der Song entstand spontan, nachdem Annabella eine laufende Instrumentalidee hörte und innerhalb kurzer Zeit eine Melodie sowie einen Text entwickelte. Die Gesangsspuren wurden weitgehend aus dieser unmittelbaren Energie heraus aufgenommen. Auf eine nachträgliche Korrektur mit Auto-Tune verzichtete die Band. Das Ergebnis besitzt eine Frische, die man nicht künstlich herstellen kann. „YOÜ“ verbindet säurehaltige Synthesizer, einen beweglichen Beat und Alternative Pop mit dem vertrauten industriellen Unterbau. Inhaltlich geht es wesentlich direkter und persönlicher zu als in den politischen Stücken. Enttäuschung, Beziehungsfrust und jugendliche Wut werden nicht hinter großen Metaphern versteckt.
Dieser Generationswechsel im Kleinen gehört zu den spannendsten Aspekten des Albums. Annabella kopiert weder Konietzkos autoritäres Organ noch Cifarellis dunkle Sinnlichkeit. Sie stellt ihre eigene Klangfarbe daneben. Dadurch klingt „YOÜ“ gleichzeitig nach KMFDM und nach einem möglichen Ausblick auf eine künftige Inkarnation der Band. Ob daraus tatsächlich einmal eine zweite Generation des Projekts entsteht, bleibt offen. Die Grundlage wäre jedenfalls vorhanden.
„OUTERNATIONAL INTERVENTION“ schaltet anschließend wieder auf offene Konfrontation. Der bewusst verdrehte Titel verbindet internationale Intervention mit einem Blick von außen auf eine Welt, die ihre politischen Konflikte in ein permanentes Spektakel verwandelt. Der Song dokumentiert den gesellschaftlichen Niedergang und feiert zugleich den Tanz auf dem Vulkan. Konietzko und Cifarelli haben in einem Interview selbst den Vergleich mit dem Berlin der Zwanzigerjahre gezogen: Die Ordnung zerfällt, autoritäre Bewegungen gewinnen an Kraft, während in den Clubs weitergetanzt wird.
Die Musik setzt auf einen punkigeren Zugriff, thrashige Gitarren, einen kräftigen Live-Schlagzeugpuls und bewusst kitschige Science-Fiction-Effekte. Nieddus Solo bricht mit leuchtender Aggression aus dem Arrangement. Manchmal stehen die Weltraumklänge etwas zu weit im Vordergrund und nehmen dem Stück einen Teil seiner Härte. Dennoch besitzt „OUTERNATIONAL INTERVENTION“ genügend Geschwindigkeit und Biss, um die Mitte des Albums wirkungsvoll abzuschließen.
Dub, Kontrollverlust und ein Gedicht für den Weltuntergang
„A OKAY“ wechselt erneut die Farbe. Helle Synthesizer, eine bewusst verspielte Melodie und Cifarellis beinahe überzeichnet fröhlicher Gesang erinnern stellenweise an frühen Synthpop und insbesondere an die kühle Elektronik eines Gary Numan. Unter der Oberfläche liegt jedoch weiterhin der KMFDM-typische Druck. Der Song ist charmant, aber auch einer der Momente, an denen die Platte ihre eigene stilistische Freiheit beinahe überdehnt. Die hohe, absichtlich schrille Stimmlage dürfte nicht jedem gefallen, und nach der Wucht des Vorgängers wirkt das Stück zunächst wie ein Fremdkörper.
Mit „STRAY BULLET 2.0“ kehrt die Band zu einem besonders geschichtsträchtigen Song zurück. Das Original erschien 1997 auf „Symbols“ und gehörte zu jenen Texten, die zwei Jahre später im Zusammenhang mit Columbine aus ihrem künstlerischen Kontext gerissen wurden. Die neue Version versucht nicht, die damalige Aufnahme mit moderner Produktion nachzustellen. Stattdessen wird „Stray Bullet“ in einen überraschend lockeren Dub- und Reggae-Rhythmus überführt. Tiefer Bass, Echoeffekte und sogar Posaunenfarben nehmen der Vorlage ihre metallische Härte.
Diese Entscheidung kann zunächst irritieren. Gerade durch den großen stilistischen Abstand entwickelt die Neubearbeitung jedoch eine eigene Berechtigung. „STRAY BULLET 2.0“ klingt wie ein verzerrtes Echo aus der Vergangenheit, das nicht mehr in derselben Uniform zurückkehrt. Zugleich bremst der Dub-Ausflug den Fluss der zweiten Albumhälfte. Wer nach „L’ETAT“ und „OUTERNATIONAL INTERVENTION“ auf eine weitere metallische Eskalation hofft, könnte die Nummer als Umweg empfinden.
„CATCH & KILL“ arbeitet anschließend mit einem dunklen, langsam anwachsenden Groove. Der Titel bezeichnet unter anderem eine Methode, bei der belastende Geschichten oder Informationen aufgekauft werden, um ihre Veröffentlichung zu verhindern. Der Song passt damit in die Welt von „ENEMY“, in der Macht nicht nur durch offene Gewalt ausgeübt wird, sondern auch durch Kontrolle über Informationen. Musikalisch bleibt das Stück überraschend melodisch. Der Refrain besitzt Radioqualität, während tiefe elektronische Flächen und eine bedrohliche Basslinie verhindern, dass die Oberfläche zu glatt wird.
Das instrumentale „GUN QUARTER SUE“ gehört zu den musikalisch stärksten Überraschungen. Hier dürfen Andy Selway und Tidor Nieddu ihre Fähigkeiten ohne Rücksicht auf Gesangslinien ausspielen. Aggressive Gitarren, schnelle Fills, elektronische Einschübe und abrupte Richtungswechsel verbinden Industrial Metal mit Funk und beinahe progressiver Spielfreude. Die Band wirkt plötzlich weniger wie eine programmierte Maschine als wie eine Gruppe Musiker, die diese Maschine gemeinsam auseinandernehmen. Gerade weil keine Stimme das Arrangement zusammenhält, können Rhythmus und Gitarre ungehindert miteinander kämpfen.
Zum Schluss verwandelt „THE SECOND COMING“ das Album in eine düstere Zeremonie. Konietzko greift das gleichnamige Gedicht von William Butler Yeats auf, das nach dem Ersten Weltkrieg eine auseinanderbrechende Ordnung, den Verlust jeder gesellschaftlichen Mitte und die Ankunft eines bedrohlichen neuen Zeitalters beschrieb. Mehr als ein Jahrhundert später wirken diese Bilder erschreckend gegenwärtig. Konietzkos tiefe Stimme trägt den Text nicht wie einen klassischen Song vor, sondern wie eine Predigt aus einem unterirdischen Bunker.
Ein schwerer Bass, verzerrte Klangflächen und langsam einsetzende Gitarren verwandeln das Gedicht in einen Industrial-Abgesang. Es gibt keinen befreienden Refrain und keine abschließende Lösung. „THE SECOND COMING“ lässt die Hörerschaft mit dem Gefühl zurück, dass die Mitte tatsächlich nicht mehr hält und vor der Tür bereits etwas wartet, dessen Gestalt noch nicht vollständig zu erkennen ist. Als Abschluss ist das mutig, bedrückend und deutlich nachhaltiger als eine weitere politische Parole.
Sascha Konietzkos Kampf gegen den Nierenkrebs
Über der Veröffentlichung liegt inzwischen eine persönliche Schwere, die während der Entstehung des Albums noch nicht absehbar war. „ENEMY“ wurde am 1. November 2025 fertiggestellt und gemastert. Nur neun Tage später, am 10. November 2025, erhielt Sascha Konietzko nach eigenen Angaben die Diagnose eines schweren Nierenkrebses. Damit ist wichtig festzuhalten: Das Album entstand nicht als Verarbeitung seiner Erkrankung. Seine politischen und apokalyptischen Themen waren bereits abgeschlossen, bevor Konietzko von der Diagnose erfuhr.
Die Erkrankung erforderte mehrere Operationen sowie eine unmittelbare medizinische Behandlung. Die für Februar und März 2026 geplante, bereits weitgehend ausverkaufte Europatournee musste deshalb verschoben werden. In einem Interview vom Frühjahr zeigte sich Konietzko zunächst zuversichtlich und erklärte, dass er davon ausgehe, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen. Ein Teil der Konzerte sollte im Sommer 2026 nachgeholt werden, während weitere Termine bereits auf das Frühjahr 2027 verlegt worden waren.
Dieser Zeitplan ließ sich jedoch nicht halten. Ende Mai teilte Konietzko mit, dass die Heilung langsam und schmerzhaft verlaufe. Auf ausdrücklichen Rat seiner Ärzte verschob er deshalb auch sämtliche für August 2026 angesetzten Auftritte. Die Europakonzerte sollen nun 2027 stattfinden. Bereits erworbene Eintrittskarten behalten nach Angaben der Veranstalter für die jeweiligen Ersatztermine ihre Gültigkeit.
Über die genaue Form des Nierenkrebses, das Krankheitsstadium, die vorgenommenen Operationen oder weitere Behandlungsschritte hat Konietzko keine öffentlichen Details genannt. Entsprechend verbieten sich Spekulationen über Prognosen und Therapie. Fest steht lediglich, dass die Genesung mehr Zeit benötigt als zunächst erhofft. Dass Konietzko seine Gesundheit und den ärztlichen Rat über die Verpflichtungen einer Tour stellt, ist die einzig vernünftige Entscheidung. Der Ultra Heavy Beat kann warten.
Unsere Wertung:
8,5 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
Mit „ENEMY“ präsentieren KMFDM eines ihrer vielseitigsten jüngeren Alben. Der stärkere Einsatz von Gitarren verleiht der Produktion mehr körperliche Wucht, ohne die elektronische Identität zu verdrängen. Sascha Konietzko überzeugt als Produzent, Rhythmusgitarrist und politischer Zeremonienmeister. Lucia Cifarelli sorgt mit ihrer wandelbaren Stimme für die melodischen, dunklen und sinnlichen Höhepunkte. Andy Selway verbindet live eingespielte Drums mit präziser Programmierung, während Tidor Nieddu die Stücke mit schmutzigen Riffs, dissonanten Leads und kontrollierter Virtuosität erweitert.
Mit Annabella Konietzko betritt auf „YOÜ“ zudem eine neue Generation den Maschinenraum. Ihr heller, unmittelbarer Gesang verhindert, dass sich die Band ausschließlich in ihrer eigenen Geschichte einrichtet. Songs wie „OUBLIETTE“, „L’ETAT“, „VAMPYR“, „OUTERNATIONAL INTERVENTION“ und „GUN QUARTER SUE“ gehören zu den stärksten Arbeiten der aktuellen Besetzung. „A OKAY“ und „STRAY BULLET 2.0“ unterbrechen den Fluss, zeigen aber zugleich, wie wenig Interesse KMFDM an stilistischer Reinheit haben.
Politisch steht „ENEMY“ dort, wo diese Band immer am glaubwürdigsten war: gegen Faschismus, Diskriminierung, Heuchelei und erzwungenes Schweigen. Nachdem man KMFDM im Zusammenhang mit Columbine einst für die Taten anderer verantwortlich machen wollte, erklären sie sich nun selbst zum Feind einer Gesellschaft, die Außenseiter gerne beschuldigt, aber ihre eigenen Strukturen nicht hinterfragt. Das Album besitzt keine einfache Lösung für diese Welt. Es bietet Widerstand, Rhythmus und genügend Lautstärke, um das Schweigen wenigstens für 45 Minuten zu durchbrechen.

Trackliste
- ENEMY
- OUBLIETTE
- L’ETAT
- VAMPYR
- YOÜ
- OUTERNATIONAL INTERVENTION
- A OKAY
- STRAY BULLET 2.0
- CATCH & KILL
- GUN QUARTER SUE
- THE SECOND COMING
Credits
Interpret: KMFDM
Titel: ENEMY
Herkunft: Hamburg, Deutschland / international
Format: Album
VÖ: 6. Februar 2026
Spielzeit: ca. 45 Minuten
Genre: Industrial Metal | Electro-Industrial | Industrial Rock
Label: Metropolis Records
Sascha Konietzko: Gesang, Programmierung, Synthesizer, Rhythmusgitarren und Produktion
Lucia Cifarelli: Gesang und Songwriting
Andy Selway: Schlagzeug, Percussion und Drum-Programmierung
Tidor Nieddu: Lead- und zusätzliche Rhythmusgitarren
Annabella Konietzko: Gesang und Songwriting auf YOÜ
Mix: Sascha Konietzko und Benjamin Lawrenz
Mastering: Benjamin Lawrenz
Coverartwork: Aidan „Brute!“ Hughes
Layout: Chris Zander
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