Wo Pink Floyd noch die dunkle Seite des Mondes beleuchteten, konzentrieren sich Immunity erstmal auf unseren Heimatplaneten. Auf „The Dark Side Of The Earth“ ziehen die Nürnberger ihren Metalcore nicht als bloße Genre-Pflichtübung auf, sondern als emotional verdichtetes, modern produziertes und handwerklich bemerkenswert kontrolliertes Album zwischen Druck, Schmerz, Melodie und klarer Kante. Die tief gestimmten Gitarren walzen mit Nachdruck, die Drums treiben präzise nach vorne, und über allem steht ein Gesangsbild, das von verletzlichem Clean-Gesang bis zu kompromisslosen Screams reicht. Dass diese Platte inhaltlich von Verlust, psychischer Belastung und innerer Zerrissenheit geprägt ist, hört man ihr an. Nicht als plakative Betroffenheitsgeste, sondern als dunkler Unterstrom, der selbst die eingängigen Refrains beschattet.
Metalcore mit Erdenschwere
Der Einstieg mit „Cold Case“ macht sofort deutlich, dass Immunity im modernen Metalcore nicht auf halbe Kraft setzen. Der Song schiebt mit wuchtigen Riffs, sauber gesetzten elektronischen Details und einem Refrain, der hängen bleibt, ohne sich billig anzubiedern. Besonders stark ist dabei, wie kontrolliert die Band ihre Dynamik staffelt: erst Frust, dann Druckaufbau, dann der Breakdown als emotionaler Kurzschluss. Dominik Maiser bringt die Zerrissenheit mit variabler Stimme auf den Punkt, während Adrien Dembowski an der Gitarre nicht nur Rhythmusfundament liefert, sondern Atmosphäre formt. „Panic Room“ geht direkter in die Magengegend. Der Track besitzt diesen live-tauglichen Ruf-und-Antwort-Charakter, den man im Club sofort vor der Bühne verorten kann, bleibt aber kompositorisch beweglich genug, um nicht als simpler Mosh-Trigger zu verpuffen. Genau hier zeigt sich, wie gut Immunity inzwischen wissen, wann ein Song atmen muss und wann er die Zügel anziehen darf.
Riffs, Refrains und Abgründe
Mit „We Are All Mad Here“ öffnen Immunity den Blick stärker in Richtung moderner, melodischer Härte. Der Song arbeitet mit geschickten Kontrasten: aggressive Strophen, weit aufgezogene Refrains, kurze atmosphärische Einschübe und eine Produktion, die jedes Detail klar platziert. Christoph Wieczorek und Sawdust Recordings geben dem Material dabei jenen druckvollen, international anschlussfähigen Glanz, der die Songs nicht zukleistert, sondern ihre Konturen schärft. Besonders das Sounddesign verdient Lob: Effekte, Synth-Flächen und zusätzliche Texturen stehen nicht als Fremdkörper neben den Gitarren, sondern erweitern den Raum. In „Unhinged“ verdichtet sich die emotionale Dimension des Albums besonders stark. Hier geht es nicht um dekorative Dunkelheit, sondern um das Gefühl, wenn der Boden unter den Füßen verschwindet. Die Band findet dafür eine überzeugende Balance aus Härte und Verwundbarkeit. Der Song ist nicht der härteste Moment der Platte, aber einer der nachhaltigsten, weil er seine Wirkung aus Spannung, Melodie und stimmlicher Dringlichkeit gewinnt.
„Ghosts“ hält diese innere Unruhe aufrecht und arbeitet stärker mit nächtlicher Atmosphäre. Die Gitarren bleiben schwer, die rhythmische Basis sitzt, doch entscheidend ist der Sog im Arrangement. Immunity verstehen, dass moderner Metalcore nicht nur aus Breakdowns besteht. Die Kunst liegt darin, zwischen Schlagkraft und Melodieführung eine Dramaturgie zu bauen. Genau das gelingt auf „The Dark Side Of The Earth“ erstaunlich häufig. „A Tale“ fungiert anschließend als kurzes instrumentales Atemholen, ohne die Spannung aus dem Album zu nehmen. Im Gegenteil: Dieses Zwischenspiel wirkt wie eine dunkle Schleuse vor dem großen thematischen Aufriss von „Of War And Peace“.
Zwischen Eskalation und Melodie
„Of War And Peace“ zählt zu den stärksten Momenten der Platte, weil das Duett mit Lina Benabdesslem von Parallyx tatsächlich eine dramaturgische Funktion erfüllt. Die Stimmen stehen nicht nur nebeneinander, sie reiben sich, ergänzen sich und treiben die Perspektiven des Songs gegeneinander. Das Ergebnis ist wuchtig, melodisch und angenehm ambitioniert. Auch die Komposition überzeugt: Der Track nimmt sich Zeit, baut Spannung auf und nutzt den Kontrast zwischen Aggression und hymnischer Weite sehr effektiv. Danach setzt „Vultures“ auf eine schnellere, bissigere Gangart. Hier zeigen Immunity, dass sie die Attacke nicht verlernt haben. Die Rhythmusgruppe aus Max Neuner und Johannes Noderer spielt präzise, körperlich und mit genug Druck, um den Song nach vorne zu peitschen. „The Fire Inside“ bringt anschließend wieder mehr Melodie ins Spiel, ohne den dunklen Grundton zu verraten. „Addicted To The Pain“ beschließt das Album mit ordentlich Nachdruck und wirkt wie ein letzter Schlag auf eine Tür, die man eigentlich längst hinter sich schließen wollte.
Unsere Wertung:
8 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
Immunity liefern mit „The Dark Side Of The Earth“ ein starkes zweites Album ab, das seine emotionale Schwere musikalisch überzeugend trägt. Nicht jeder Refrain trifft gleich hart, und an wenigen Stellen könnte der Zugriff noch brutaler ausfallen, doch das Gesamtbild stimmt: Sounddesign, Komposition und musikalische Fähigkeit greifen sauber ineinander. Die Band klingt fokussiert, professionell und eigenständig genug, um sich im dicht besetzten Modern Metal– und Metalcore-Feld zu behaupten. Besonders gelungen ist, wie die Nürnberger große Hooklines, tiefe Gitarren, elektronische Schattierungen und persönliche Themen verbinden, ohne den Druck aus der Musik zu nehmen. Wer modernen Metalcore mit emotionaler Fallhöhe, starkem Gesang und sauberer Produktion sucht, sollte diese Platte definitiv auf dem Radar haben.

Trackliste
- Cold Case
- Panic Room
- We Are All Mad Here
- Unhinged
- Ghosts
- A Tale
- Of War And Peace
- Vultures
- The Fire Inside
- Addicted To The Pain
Credits
Interpret: Immunity
Titel: The Dark Side Of The Earth
Herkunft: Nürnberg, Deutschland
Format: Album
VÖ: 1. November 2024
Genre: Metalcore | Modern Metal
Label: Easthaven Records
Produktion, Mix und Mastering: Christoph Wieczorek / Sawdust Recordings
Besetzung: Dominik Maiser | Adrien Dembowski | Max Neuner | Johannes Noderer
Mehr zu Immunity im Netz
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