Sterbenswille nennen ihr neues Album „Asche & Licht“, und selten fasst ein Titel den inneren Konflikt einer Platte so direkt zusammen. Hier geht es nicht um dekorative Finsternis, nicht um Pose, nicht um den nächsten routinierten Ausflug in schwarzmetallische Tristesse. „Asche & Licht“ handelt von Zerfall, Depression, Selbstzerstörung, Verlust, Isolation und jenem flackernden Rest Hoffnung, der nicht triumphiert, aber auch nicht erlischt. Die Songs wirken wie Stationen eines seelischen Ausnahmezustands: „Verzweiflung“ reißt die Tür auf, „Selbstzerstörung“ blickt in den inneren Kollaps, „Depression“ bildet das dunkle Zentrum, und „Zwischen Asche & Licht“ formuliert schließlich den Kern dieser Platte: Zwischen Untergang und Weiterleben liegt kein gerader Weg, sondern ein brennender Trümmerpfad. Musikalisch übersetzen Sterbenswille diese Themen in intensiven Post-Black-Metal, der rohe Aggression, melodische Kälte, atmosphärische Tiefe und starkes Songwriting erstaunlich geschlossen zusammenführt.
Wenn Verzweiflung Druck bekommt
Der Einstieg mit „Verzweiflung“ macht schnell klar, dass Sterbenswille ihr Material nicht im Schonwaschgang präsentieren. Der Song beginnt nicht plump mit dem Vorschlaghammer, sondern baut seine Wirkung über Atmosphäre, Melodik und wachsenden Druck auf. Wenn die Gitarren schließlich aufreißen und das Schlagzeug nach vorne peitscht, trifft das nicht nur den Nacken, sondern auch den Bauch. Genau diese Mischung ist entscheidend: „Verzweiflung“ klingt wütend, aber nicht beliebig; finster, aber nicht leer. Die Riffs ziehen kalte Linien durch den Song, während der Bass das Fundament verdichtet und die Drums mit präziser Wucht arbeiten. G3ist liefert dazu eine vokale Leistung, die zwischen Keifen, Pressen und blankem Schmerz pendelt. Das wirkt nicht gespielt, sondern körperlich.
„Selbstzerstörung“ geht noch stärker auf Kontrast. Zunächst liegen dunkle Flächen und eine fast unheilvolle Ruhe über dem Stück, als würde sich der nächste Ausbruch erst im Hintergrund zusammenziehen. Dann bricht die Band los, ohne die Kontrolle über die Komposition zu verlieren. Gerade hier zeigen Sterbenswille, dass sie Post-Black-Metal nicht als hübsches Etikett verwenden. Der Song lebt von Dynamik, von Rückzug und Attacke, von rauer Härte und plötzlich aufscheinender Verletzlichkeit. Wenn klare Gesangsmomente auftauchen, wirken sie nicht als kalkulierter Effekt, sondern als kurzer Riss in einer schwarzen Wand.
Bruchstücke, die schneiden
Mit „Bruchstücke“ verschieben Sterbenswille die Perspektive erneut. Naturgeräusche, cleane Gitarren und chorartige Elemente öffnen den Song zunächst atmosphärisch, bevor die Stromgitarren wie ein aufziehendes Unwetter ins Bild fahren. Die Komposition ist dabei bemerkenswert schlüssig gebaut: Erst entsteht Raum, dann wird dieser Raum systematisch eingerissen. Double-Bass-Passagen, flirrende Gitarren und druckvolle Rhythmik sorgen für eine Härte, die nie stumpf wirkt. Besonders stark ist das Sounddesign. Die Band setzt Effekte und Klangschichten nicht als bloße Verzierung ein, sondern als Teil der emotionalen Architektur.
Das instrumentale „Breath of Silence“ ist danach wichtig für die Statik des Albums. Wo andere Bands ein solches Stück als Überleitung missbrauchen würden, nutzen Sterbenswille die Ruhe als Verstärker. Hallige Gitarren, unverzerrte Klangfarben und eine düster-melancholische Stimmung öffnen einen Zwischenraum, in dem die vorherige Brachialität nachhallt. Genau solche Entscheidungen zeigen die musikalische Fähigkeit der Band. „Asche & Licht“ funktioniert nicht als bloße Aneinanderreihung harter Songs, sondern als dramaturgisch gedachtes Album.
Depression als dunkles Zentrum
„Depression“ ist der emotionale Schwerpunkt der Platte. Der Titel lässt keinen Spielraum für Ironie, und die Musik tut es ebenfalls nicht. Sterbenswille übersetzen seelische Schwere nicht einfach in Langsamkeit, sondern in Beklemmung. Der Song baut sich Schicht für Schicht auf, zieht die Spannung an und lässt den Hörer nicht aus der Umklammerung. Gitarren, Bass und Drums arbeiten wie eine Maschine, deren Ziel nicht Präzision allein ist, sondern Druck. Dazu kommt erneut G3ist, dessen Stimme den Text nicht dekoriert, sondern nach außen reißt.
Der Titeltrack „Zwischen Asche & Licht“ bringt anschließend die zentrale Idee des Albums auf den Punkt. Hier prallen verbrannte Erde und Resthoffnung direkt aufeinander. Die Band arbeitet mit Breaks, verschobenen Spannungen, massiven Gitarrenflächen und atmosphärischen Schichten, ohne den Song unnötig zu zerfasern. Besonders die gesprochenen Elemente setzen einen starken Akzent. Sie wirken wie Gedanken, die nicht mehr geschrien werden können, aber trotzdem herausmüssen. Kompositorisch ist das einer der stärksten Momente des Albums, weil Sterbenswille Pathos zulassen, ohne in Kitsch abzugleiten.
Feuer, Dunkelheit und ein letzter Gegenpol
„Asche“ nimmt anschließend fast alles zurück. Das Knistern des Feuers, akustische Gitarren und eine stille Melancholie machen aus dem Instrumental keinen Füller, sondern ein Nachglimmen. Man hört förmlich, dass nach dem emotionalen Ausbruch nicht sofort Erlösung folgt, sondern erst einmal Leere. Der abschließende Song „Dunkelheit“ mit Liz von Roxton führt die Platte dann zu einem starken Finale. Akustische Elemente, dramatische Klangfarben und massive Black-Metal-Wände greifen ineinander, während der Gastgesang einen wirkungsvollen Kontrast zur harschen Grundstimmung setzt. Diese zweite Stimme bringt kein billiges Licht in die Finsternis, sondern eine menschliche Gegenfarbe. Gerade dadurch gewinnt der Song an Größe.
Produktion und Sounddesign verdienen insgesamt besonderes Lob. „Asche & Licht“ klingt wuchtig, aber nicht überproduziert; atmosphärisch, aber nicht verwaschen. Die Gitarren haben Kälte und Körper, das Schlagzeug schiebt mit Energie, der Bass hält den Untergrund zusammen, und die ruhigeren Passagen besitzen genug Raum, um tatsächlich zu wirken. Sterbenswille zeigen damit, dass Härte und kompositorische Sorgfalt keine Gegensätze sind. Dieses Album schlägt zu, denkt aber mit.
Unsere Wertung:
8 von 10 Metalhands!
Unser Fazit:
Mit „Asche & Licht“ liefern Sterbenswille ein intensives, emotional dichtes und musikalisch starkes Album ab, das sich tief im Black Metal verwurzelt zeigt, aber durch Post-Black-Metal-Dramaturgie, melancholische Atmosphäre und überzeugende Dynamik deutlich mehr Farbe in die Dunkelheit bringt. Die Band behandelt Themen wie Depression, Verlust und Selbstzerstörung nicht als düsteren Schmuck, sondern als ernsthafte innere Zustände. Genau deshalb wirkt die Platte glaubwürdig. Wer Der Weg einer Freiheit, Harakiri For The Sky, Ellende oder Groza schätzt, sollte Sterbenswille auf dem Zettel haben. „Asche & Licht“ ist kein bequemes Album. Es kratzt, drückt, glimmt und bleibt hängen.

Trackliste
- Verzweiflung
- Selbstzerstörung
- Bruchstücke
- Breath of Silence
- Depression
- Zwischen Asche & Licht
- Asche
- Dunkelheit feat. Liz von Roxton
Credits
Interpret: Sterbenswille
Titel: „Asche & Licht“
Herkunft: Altötting, Bayern, Deutschland
Format: Album
VÖ: 15. Mai 2026
Genre: Post-Black-Metal | Black Metal | Atmospheric Black Metal
Label: Independent
Besetzung:
G3ist – Vocals
Lukai – Guitar
Rooster – Bass
Andy – Drums
Liz von Roxton – Gastgesang auf Dunkelheit
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