Vitrifier zerlegen mit Ioculator Mortis den Deathgrind-Humor bis auf die Knochen (Musikplaylist) [ Deathcore | Deathgrind ]

Im Deathcore oder auch Grindcore gibt es Alben, die einfach aufgrund ihrer Konzeption und der Songs hängen bleiben. Ioculator Mortis von Vitrifier ist genau so ein Machwerk: ein wuchtiges, absurdes und technisch erstaunlich präzise gebautes Deathgrind-Geschoss, das sich anhört, als würde ein Maschinengewehr im Proberaum Amok laufen und dabei noch über seine eigenen schlechten Witze lachen. Die Formation aus Alberta, bestehend aus Steve Peck und Eric Siemens, legt hier kein gemütliches Nebenbei-Album für den friedlich-fröhlichen Kaffeeklatsch vor, sondern einen 20 Songs starken Frontalangriff, der Genickprobleme beinahe als Bonusmaterial mitliefert. Was zunächst nach kontrolliertem Irrsinn klingt, entpuppt sich schnell als erstaunlich durchdachtes Werk zwischen Deathgrind, Death Metal und Deathcore, bei dem Humor, Brutalität und kompositorisches Handwerk ziemlich effektiv zusammenkrachen.

Hört hier das brachiale Werk Ioculator Mortis von Vitrifier

Wenn Humor zur Abrissbirne wird

Schon „Generic Metal Band“ macht klar, dass Vitrifier ihren eigenen Wahnsinn mit Ansage betreiben. Nach einem kurzen gesprochenen Einstieg prügelt der Song los, als hätte jemand sämtliche Regler auf maximale Eskalation gestellt. Doublebass-Salven, ein Geschwindigkeitsrausch in den Drums und bissige Gitarrenarbeit fegen den Staub aus den Boxen, ohne dabei in beliebigen Lärm zu kippen. Inhaltlich zerlegt der Track mit viel Selbstironie das Bild der chaotischen, schlecht vorbereiteten Metal-Band: schlechte Technik, falsche Töne, ein unpünktlicher Drummer und ein Sänger, der seine Texte vergisst. Das ist Szene-Satire mit Vorschlaghammer, aber musikalisch deutlich kontrollierter, als der Witz vermuten lässt. Direkt danach führt „Past The Gates“ in eine deutlich düsterere Richtung. Der kurze, fast idyllische Beginn täuscht, denn anschließend öffnet sich eine infernalische Klangkulisse, die an eine groteske Höllenwanderung erinnert. Lyrisch wird eine Reise durch Verdammnis, Orientierungslosigkeit und apokalyptische Visionen entworfen, während musikalisch präzise Gitarrenarbeit, kompromisslose Drum-Programmierung und dämonische Vocals ineinandergreifen.

Brachialität mit kompositorischem Instinkt

Dass Vitrifier nicht bloß auf Krawall setzen, zeigen die zahlreichen Miniaturen des Albums. „Trashing A Pet Store With A Fruit Bat“ hält den absurden Grundton früh hoch, während „Gorilla With An Anvil“ in nur wenigen Sekunden ein komplettes Grindcore-Slapstick-Gemetzel skizziert. Die Geschichte eines wütenden Schmieds, der schlechte Angebote nicht mehr akzeptiert und seine Gegner mit einem Amboss bearbeitet, funktioniert genau deshalb, weil die Musik ebenso stumpf zuschlägt, wie das Szenario überdreht ist.

Schaut hier den Clip „Gorilla With An Anvil“

Bei „Exploding Cars Taste Delicious“ wird es dann endgültig cartoonhaft monströs: Ein halb menschliches, halb schlangenartiges Wesen frisst sich durch Automarken und Autobahnen, wobei der Text Konsumwahn, Zerstörungslust und grotesken Hunger zu einem völlig absurden Kopfkino verbindet. Musikalisch bleibt das alles erstaunlich flüssig. Die Songs sind kurz, aber nicht lieblos hingeworfen. Bass und Gitarren bilden ein massives Fundament, die Drums peitschen mit Präzision, und das Sounddesign besitzt genug Druck, um die bewusst lächerlichen Ideen mit echter Härte auszustatten.

Besonders stark ist, wie Steve Peck und Eric Siemens ihr Material verdichten. „Mr. Bean Versus Adolf Hitler“ klingt auf dem Papier wie ein Unfall aus Popkultur, Weltkriegssatire und komplett entgleistem Sketch-Humor, wird aber mit energischen Riffs, theatralischen Leads und progressiver Rhythmik erstaunlich zwingend umgesetzt. Inhaltlich wird eine absurde Rachefantasie erzählt, in der eine harmlose Comedy-Figur zum grotesken Kriegshelden mutiert. „Forged In The Fires Of A Costco“ wiederum verwandelt eine Hotdog-förmige Klinge und eine Supermarktmitgliedschaft in epische Fantasy-Parodie. Das Stück karikiert Konsumreligion und heroische Metal-Mythen gleichermaßen, ohne musikalisch ins Alberne abzurutschen. Zwischen schwermütiger Heavyness und brachialem Grindcore-Druck finden Vitrifier immer wieder kleine Akzente, die zeigen, dass hinter dem Irrsinn sehr wohl Arrangement-Verständnis steckt. Auch „Laptop In A Toilet“ lebt von dieser Mischung: Aus einem banalen Technik-Missgeschick wird ein katastrophischer Nervenzusammenbruch, den die Band mit vielseitigem Aufbau, wütenden Vocals und herrlich überzogener Verzweiflung vertont.

Groteske Geschichten aus dem Schleudergang

Inhaltlich ist Ioculator Mortis ein Irrgarten aus Memes, Horror, Popkultur und schwarzem Humor. „Yog Sothoth Gets Cancelled By Snowflakes On Twitter For Oversharing“ verlegt kosmischen Horror in die Mechanik sozialer Medien und erzählt von einem uralten Wesen, das im Influencer-Kosmos an der eigenen Maßlosigkeit scheitert. „Bill Nye The Fight Club Guy“ verschmilzt Wissenschaftsfernsehen mit nihilistischem Prügelkult und deutet den Bildungsoptimismus einer Fernsehfigur in aggressiven Untergrund-Wahn um. Bei „Dora The Deadite“ trifft kindliche Abenteuerästhetik auf Evil Dead-Referenzen, Necronomicon-Spuk und Kettensägen-Humor, während „Drunk Driving In The Key Of D Minor“ eine bitterböse Satire auf Selbstüberschätzung, Alkohol am Steuer und musikalisch verbrämte Dummheit ist. Gerade hier zeigt sich, dass Vitrifier zwar extrem komisch schreiben, die Komik aber oft aus moralischem Kontrollverlust ziehen. Die Witze sind hässlich, laut und manchmal bewusst dumm, doch sie treffen ihren Zweck.

Mit „Swift Vengeance“ gehen Vitrifier noch stärker in Richtung Popkultur-Horror: Fan-Kult, Prominenz und religiöse Verehrung werden zu einer monströsen Opferzeremonie verzerrt. Melodische Leads geben dem Stück zusätzliche Kontur und beweisen, dass die Band auch im Leadbereich ein gutes Gespür für Spannung besitzt. „Streaming Hit“ attackiert dagegen die Karikatur toxischer Männlichkeit, beruflicher Frustration und brodelnder Selbstzerstörung. Der Song wirkt wie ein wütender Zusammenbruch, der zwischen Macho-Pose und existenzieller Leere pendelt. „Conan The Barbarian Punching Animals At The Petting Zoo“ setzt dann auf bewusst überzogene Barbarenlogik und führt ein harmloses Zoo-Szenario in komplette Eskalation. Wer hier realistische Moral erwartet, hat den Witz der Band nicht verstanden: Vitrifier arbeiten mit grotesker Übertreibung, nicht mit Alltagsempfehlungen. „The Brown Willy Massacre“ reduziert seinen Humor fast auf primitive Befehlslogik und absurde Gewaltphantasie, funktioniert aber durch die stoische Konsequenz des Wahnsinns.

Auch im letzten Drittel bleibt Ioculator Mortis erstaunlich variabel. „Edward Liquor Hands“ fügt sich als kurze, schmutzige Grindcore-Entladung in den Gesamtfluss ein, bevor „A Fan’s Open Love Letter To David Howard Thornton“ eine unheimliche Fan-Obsession in pechschwarzen Stalker-Horror kippen lässt. Der Track baut progressiv Druck auf und zeigt, wie kontrolliert Vitrifier selbst chaotische Passagen führen können. „Krieg Feud“ beginnt überraschend mit einem Synthesizer-Flair, das an düstere 80er-B-Movies erinnert, und entwickelt daraus ein Stück zwischen melancholischem Leadspiel, sattem Bassfundament und später wieder einsetzender Soundwall. Textlich wird eine harmlose Gameshow zur Vision gesellschaftlichen Verfalls, in der billige Lacher und Brainrot zur persönlichen Hölle werden. Zum Abschluss lässt „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ das Kopfkino endgültig entgleisen: Kinderfernsehen wird in albtraumhaften Splatter-Horror verwandelt, Elmo erscheint als dämonische Herrscherfigur, und die vertraute Welt der Sesamstraße wird zur Folterkammer. Das ist geschmacklich natürlich ein Tritt in die Tür, aber musikalisch sitzt der finale Schlag beeindruckend wuchtig.

Foto der Vitrifier –
gepostet auf Wunsch der Band selbst

Die größte Stärke dieses Albums liegt darin, dass Vitrifier ihre Absurdität nicht als Ausrede für schlampiges Songwriting benutzen. Im Gegenteil: Ioculator Mortis wirkt gegenüber dem Vorgänger hörbar geschärft. Die Stücke wurden zwischen Februar und Dezember 2025 entwickelt, und man merkt, dass Steve Peck und Eric Siemens ihre Arbeitsweise in Songwriting, Mix und Performance verfeinert haben. Die Produktion ist brutal, aber nicht matschig. Die Gitarren drücken mit tiefer Schwere, der Bass gibt den Songs ein massives Rückgrat, die programmierten Drums arbeiten mit gnadenloser Präzision, und die Vocals von Eric Siemens klingen monströs genug, um selbst die albernsten Szenarien bedrohlich erscheinen zu lassen. Das Sounddesign ist damit ein entscheidender Faktor: Es verleiht dem Humor Gewicht und verhindert, dass die Songs wie reine Gag-Skizzen verpuffen.

Unsere Wertung:

8 von 10 Metalhands!

Unser Fazit:

Vitrifier liefern mit Ioculator Mortis ein Deathgrind-Album, das seine Wucht nicht nur aus Blastbeats und tief gestimmter Brutalität zieht, sondern aus einer klaren Haltung zum eigenen Irrsinn. Dieses Werk ist laut, schmutzig, komisch, bösartig verspielt und handwerklich viel stärker, als man es bei Titeln wie „Gorilla With An Anvil“, „Laptop In A Toilet“ oder „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ zunächst erwarten könnte. Wer Misery Index, Whitechapel, Dying Fetus oder auch die extrem überzeichnete Seite von Infant Annihilator schätzt und dabei keine Angst vor vollkommen enthemmtem Humor hat, bekommt hier ein Album, das brutal durch die Wand geht und dabei noch Grimassen schneidet. Ioculator Mortis zerstört den Sinn für Humor nicht einfach, es zerlegt ihn in seine Einzelteile und wirft ihn anschließend mit Blastbeats zurück ins Gesicht.

Mehr zu Vitrifier im Netz

Vitrifier bei Facebook:
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Vitrifier bei Bandcamp:
https://vitrifiergrind.bandcamp.com

Vitrifier bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/6VTyivxRGFVF1F8TbBk8Ov

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