Ostern naht, die Regale quellen über vor Schokohasen, Frühlingskitsch und jener scheinheilig-frommen Dauerfreundlichkeit, die schon beim Hinsehen leichte Aggressionen auslösen kann. Gut also, dass Fleischschirm mit „Das Grabtuch voll Urin“ pünktlich den akustischen Vorschlaghammer auspacken, um dem religiösen Hochglanzambiente gepflegt die Tischdecke wegzuziehen. Der Titel ist herrlich respektlos, die Pointe sitzt, und musikalisch fährt die Band dazu genau jene Schwere auf, die man für einen solchen Frontalangriff braucht. Statt bloßer Provokation gibt es hier nämlich einen Track, der mit Wucht, Atmosphäre und präziser Handwerkskunst nachsetzt.
Zwischen Weihrauch und Abrissbirne
Fleischschirm aus Vorarlberg machen schon mit den ersten Sekunden klar, dass sie nicht als Klamauk-Kapelle missverstanden werden wollen. Die elektronischen Elemente am Anfang funktionieren nicht als Gimmick, sondern als düster aufgeladene Startrampe. Das wirkt unheilvoll, fast filmisch, und zeigt sofort, dass diese Band ein Gefühl für Spannungsaufbau besitzt. Wer bei einem Titel wie „Das Grabtuch voll Urin“ lediglich auf einen Krawallwitz hofft, bekommt stattdessen einen überraschend ausgearbeiteten Einstieg serviert. Das Sounddesign ist dicht, finster und stimmungsvoll genug, um den Hörer bereits vor dem ersten großen Einschlag in die richtige Richtung zu schubsen.
Dann kippt der Track in die Offensive, und zwar ohne Vorwarnung und ohne Rücksicht auf Verluste. Genau das ist der Punkt, an dem Fleischschirm zeigen, warum sie im Death-/Thrash-Kontext ernst genommen werden sollten. Die Single lebt von jener kompromisslosen Energie, die sofort nach vorn springt, dabei aber nicht in chaotischem Lärm versackt. Die Band bringt Härte, Melodie und Bosheit in ein Verhältnis, das angenehm ungesund wirkt. Und ja, der Track rechnet inhaltlich mit religiöser Verklärung als morschem, von Gier und Angst zusammengehaltenem Trugbild ab. Das ist provokant, klar, aber eben auch punktgenau und mit ausreichend Biss formuliert, um nicht zur billigen Pöbelnummer zu verkommen.
Tempo, Druck und eine Rhythmussektion ohne Mitleid
Sobald „Das Grabtuch voll Urin“ voll einrastet, gibt es kein Halten mehr. Uptempo-Beats, scharf gesetzte Doublebass-Attacken und ein Bassfundament, das ordentlich schiebt, erzeugen eine Soundwand, die nicht breitbeinig posiert, sondern tatsächlich Schaden anrichtet. Die Rhythmusgitarren sägen sich mit Nachdruck durch den Track und lassen keinen Zweifel daran, dass hier jede Menge Druck im Kessel ist. Das zwingt förmlich zu jener bekannten Nackengymnastik, die im Idealfall erst endet, wenn die Wirbel um Gnade winseln. Gerade in dieser Disziplin spielt die Band ihre große Stärke aus: Sie klingt aggressiv, aber nicht stumpf. Wucht ist vorhanden, Kontrolle ebenso.
Beeindruckend ist außerdem, wie sauber die Produktion diesen ganzen Furor abbildet. Die Single scheppert nicht sinnlos, sondern hat Kontur. Die Drums drücken, die Gitarren stehen breit im Mix, und der Bass verleiht dem Ganzen genau jene Schwere, die ein Song dieser Bauart braucht, um nicht bloß schnell, sondern auch bedrohlich zu wirken. Hier lugt mehrfach eine Black-Metal-Schwärze durch, die dem Material zusätzliche Giftstoffe beimischt. Das macht „Das Grabtuch voll Urin“ nicht zu einem Stilwechsel, wohl aber zu einem Track, der seine Einflüsse klug bündelt. Death Metal, Thrash Metal und schwarz angehauchte Finsternis greifen ineinander, ohne dass die Band ihre Linie aus den Augen verliert.
Riffs mit Widerhaken und ein Arrangement, das nicht geschniegelt marschiert
Richtig spannend wird es dort, wo Fleischschirm zeigen, dass sie eben nicht nur auf Lautstärke setzen. Die Leadgitarre arbeitet sich mit erstaunlicher Präzision und Fingerfertigkeit durch den Song. Diese minutiösen Riffs haben Schneid, Tempo und genug melodische Schärfe, um im Gedächtnis zu bleiben. Man hört deutlich, dass hier Musiker am Werk sind, die ihr Handwerk nicht bloß beherrschen, sondern gezielt einsetzen. Das Stück frisst sich nicht durch einen Standardablauf, sondern lebt von kleinen Drehungen, kurzen Spannungsverschiebungen und jener Art Arrangement, die aus einem harten Track einen wirklich guten harten Track macht.
Besonders angenehm fällt auf, wie viele Wechsel und kleine Verzierungen „Das Grabtuch voll Urin“ in seinen kompakten Rahmen packt, ohne sich dabei zu verzetteln. Das wirkt zu keinem Zeitpunkt geschniegelt oder auf Intellekt gebürstet, sondern organisch und angriffig. Immer dann, wenn man meint, das Ding habe seinen Modus gefunden, setzt die Band noch einen Haken oder schiebt eine neue Nuance in den Vordergrund. Das hält die Spannung oben und verhindert zuverlässig, dass der Song in stumpfer Dauerattacke festhängt. Spätestens das epische Gitarrensolo unterstreicht, dass Fleischschirm nicht nur prügeln, sondern auch erzählen können. Es hebt den Track an, ohne ihn künstlich aufzublasen, und gibt dem Finale genau die Größe, die vorher sauber vorbereitet wurde.
Dazu kommt ein vokales Zusammenspiel, das hervorragend funktioniert. Der gutturale Gesang sorgt für Tiefe und Dreck, der düstere Shout bringt zusätzliche Schärfe hinein, und gemeinsam verleihen beide dem Song jene giftige Fratze, die sein Thema verlangt. Was die Band hier abliefert, ist nicht bloß aggressiv, sondern charakterstark. Bereits auf der EP „SchirmHerrschaft“ war zu hören, dass Fleischschirm ihre Mischung aus Melodie, Brutalität und schwarzem Humor ernst nehmen. Mit „Das Grabtuch voll Urin“ wirkt das Ganze noch zielgerichteter, noch böser und noch konsequenter. Wenn das als Vorbote für das angekündigte Album im Herbst 2026 gedacht ist, dann darf man davon ausgehen, dass die Band ihre Extreme künftig noch enger zusammenschraubt.
Unsere Wertung
8,75 von 10 Metalhands!
Unser Fazit
„Das Grabtuch voll Urin“ ist genau die Sorte Single, die man gern zwischen all den geschniegelt kalkulierten Veröffentlichungen hört, die nach drei Durchläufen schon wieder aus dem Gedächtnis kippen. Fleischschirm liefern hier eine brachiale, finstere und sehr griffig komponierte Nummer ab, die Provokation nicht als Selbstzweck, sondern als scharfes Werkzeug benutzt. Sounddesign, Riffarbeit, Arrangement und vokale Präsenz greifen überzeugend ineinander, und gerade diese Mischung aus blackened Atmosphäre, Death-/Thrash-Wucht und handwerklicher Präzision hebt den Track deutlich an. Wer es hart, bissig und dennoch musikalisch durchdacht mag, findet in „Das Grabtuch voll Urin“ einen Song, der nicht freundlich anklopft, sondern die Tür gleich aus den Angeln tritt.

Trackliste
- Das Grabtuch voll Urin
Credits
Interpret: Fleischschirm
Titel: „Das Grabtuch voll Urin“
Herkunft: Vorarlberg, Österreich
Format: Single
VÖ: Februar 2026
Genre: Death Metal | Thrash Metal | Melodic Death Metal | Black Metal
Label: Running Wild Productions
Line-up:
Werner „MetalWene“ Berchtold – Vocals, Drum Programming
Tankred „Tank“ Bergmeister – Gitarre
Simon – Bass
Mence – Entertainment
Mehr zu Fleischschirm im Netz
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Fleischschirm bei Bandcamp:
https://runningwildproductions.bandcamp.com/track/das-grabtuch-voll-urin