Vier Meter Hustensaft haben in den letzten Monaten spürbar hochgeschaltet: mehr Druck auf den Saiten, mehr Schweiß im Raum – und plötzlich stehen die Düsseldorfer Punks nicht nur auf, sondern auch in den einschlägigen Listen weiter oben. Mit neuen Rollen am Mikro, frischer Verstärkung und einem klaren „Aufgeben ist nicht“ wirkt die Band so geschlossen wie lange nicht. Wir sprechen über den Kipppunkt nach den ersten Shows, über „Was Ich Dringend Brauche“ als bittersüßen Türöffner – und darüber, warum Haltung im Punk kein Bonus, sondern Pflicht ist.
Wenn du auf die Zeit seit dem letzten Release zurückblickst: Was war der Moment, in dem du gemerkt hast, dass Vier Meter Hustensaft gerade spürbar „hochschaltet“?
Das war Anfang letzten Jahres.
Nachdem wir die ersten Shows mit mir als Sänger gespielt haben, gabs genug positive Resonanz, sodass für uns klar wurde: Aufgeben ist nicht, jeder erst recht!
Als Thiemo dann als Verstärkung kam hat sich dieses Gefühl dann voll bestätigt.
Euer jüngstes Werk hat nicht nur mehr Aufmerksamkeit bekommen, sondern auch deutlich besser verkauft – es kursierten Meldungen über einen Einstieg in die Top 20 der Szene-/Indie-Sales und mehrere Wochen Sichtbarkeit in einschlägigen Listen: Was machen solche Zahlen mit dir als Musiker, der aus einem DIY-Impuls kommt?
Ehrlich gesagt nicht viel.
Klar freue ich mich, dass es vielen Menschen gefällt, letztendlich machen ich Musik aber für mich selbst.
DIY ist bei uns auch weiterhin angesagt.
Wir schreiben alle Songs selbst (lol), Recording, Produktion bleibt weiter 100% bei uns.
Bei Shows haben wir auch immer DIY gedruckte Shirts für kleines Geld dabei, damit jeder der Bock hat sich auch mal ein Shirt leisten kann.
„Punk MUSS IMMER Position beziehen – ansonsten ist es kein Punk.“
Philipp Altenhofen
Woran misst du Erfolg im Alltag am ehrlichsten: an ausverkauften Auflagen, an volleren Räumen, an Resonanz auf Texte – oder an Dingen, die niemand von außen sieht?
Messbar ist es für mich am ehesten an Konzerten.
Wenn die Menschen vor der Bühne Spaß haben, weil sie die Songs kennen und teilweise sogar mitgesungen wir.
Mit „Was Ich Dringend Brauche“ habt ihr einen Titel, der erst banal wirkt und dann kippt: Wie früh war dir klar, dass genau diese Ambivalenz der Einstieg in die neue Phase sein soll?
Tatsächlich habe ich „das Bier“ erst sehr spät reingeschüttet 😉
Nach den ersten Zeilen war mir der Song zu deprimierend.
Ich wollte dann den Spaß in die Melancholie bringen.
Und wie es dann oft so ist, kam mir dann plötzlich die Idee mit dem Bier.
Wirklich geplant war das aber nicht, der Song sprudelte irgendwie aus mir heraus

„Was Ich Dringend Brauche“ klingt nach Kneipe, Tristesse und Flucht – ist das für dich eher eine Liebeserklärung an euer Revier oder eher eine Kritik an dem, was Konsum mit Menschen macht?
Es geht ums Vermissen.
Wenn man jemanden oder etwas stark vermisst, dann erscheint einem im Leben alles andere schnell als trist oder regt einen auf.
Der Titel „Dreckige Kohle“ ist gleichzeitig regional, trotzig und irgendwie warm: Was soll dieser Name beim Hören sofort auslösen?
„Egal was du machst, es ist scheißegal“
Mach das beste aus deinem Leben, versuch du selbst zu sein, dich nicht zu verstellen und habe Spaß an deinem Leben!
In „Dreckige Kohle“ steckt viel Selbstbestimmung: Welche Erwartungen aus Umfeld, Arbeit oder Szene wolltet ihr damit am deutlichsten zurückweisen?
Ich der heutigen zeit muss man sich oft verstellen, egal ob beruflich, privat oder im gesellschaftlichen Umfeld.
Dabei sollte doch jeder der Mensch sein dürfen der man eben ist.
Aufgeben ist nicht – jeder erst recht
Philipp Altenhofen
„Der Allergrößte“ klingt wie eine Figur, die man sofort vor Augen hat: Woher kommt diese Art Charakterstudie bei dir – aus konkreten Begegnungen, aus Social Media, aus Politik, oder aus allem zusammen?
Die Inspiration kam aus meinem beruflichen Umfeld.
Ich habe sehr oft mit Schwätzern zu tun und Menschen, die sich für wertvoller halten.
Wie entscheidet ihr bei Songtiteln generell, ob sie eher Bilder malen („Dreckige Kohle“) oder eher wie ein Schlag ins Gesicht funktionieren („Der Allergrößte“)?
Das ist meistens Zufall. Entweder entsteht der Titel schon beim Schreiben den Textets oder wir überlegen während des Songwriting gemeinsam was gut passt.
Gibt es auf der neuen Platte einen Titel, der intern lange umstritten war – weil er zu direkt, zu ironisch oder zu „zu wahr“ war?
Nö.
Euer Tempo und die Härte haben stellenweise deutlich angezogen: War das ein bewusstes musikalisches Statement oder schlicht das Ergebnis davon, wie ihr inzwischen zusammenspielt?
Das ist eher teil der Entwicklung, ruhigere oder langsame Songs können auch gut sein, aber die haben wir in letzter Zeit noch nicht geschrieben 😉
Wie hat sich euer Songwriting verändert, seid ihr euch Gesang und Verantwortung anders aufteilt – werden Texte heute gemeinsamer gedacht oder stärker „von einer Person“ geprägt?
Das hat sich schon verändert.
In der Vergangenheit habe ich überwiegen die Songs vorbereitet und Yvonne hat die Texte geschrieben.
Heute zerlegen wir alles nochmal gemeinsam und schrauben so lange bis alle glücklich sind.
Ihr habt der neuen Veröffentlichung eine Live-Version von „Was Ich Dringend Brauche“ beigefügt: Wie kam es zu der Entscheidung, einen Live-Track auf die EP zu packen statt einen weiteren Studio-Song?
Wir hatte die Aufnahme in einer mega Qualität und wollten die nicht liegen lassen:
Mehr neue Songs hätte auch einfach noch einmal mehr Zeit bedeutet.
Was sollte die Live-Version beweisen oder dokumentieren – den neuen Bandsound, die Energie, die Reaktion des Publikums, oder einfach den Moment?
Wir hatten ein Mega Konzert in der Börse Wuppertal, da der Moment auch perfekt eingefangen wurde, war klar dass wir den veröffentlichen wollen.
War der Live-Track von Anfang an Teil des Konzepts, oder ist das erst nach einem Gig entstanden, bei dem ihr gemerkt habt: „Genau so muss das festgehalten werden“?
Es war purer Zufall, dass die Börse technisch so gut aufgestellt war, dass wir die Aufnahme verwenden konnten 😊
Wenn man auf die gegenwärtige politische Landschaft schaut: Welche Entwicklungen treffen euch als Band im Alltag am stärksten – im Publikum, in Gesprächen, in der Stadt, in der Szene?
Schwer zu sagen.
Betroffen macht uns natürlich ganz klar der offene Rechtsruck und die damit einhergehende Diskriminierung vieler Menschen.
Philipp Altenhofen
„Die Grenzen waren schon immer offen – die Stimmen werden nur lauter und präsenter.
Also müssen wir jetzt erst recht lauter werden.“
Wie hältst du es mit politischer Haltung in Songs: Muss Punk für dich immer Position beziehen, oder ist das auch eine Frage von Timing und Thema?
Punk MUSS IMMER Position beziehen.
ansonsten ist es kein Punk.
Habt ihr das Gefühl, dass sich die Grenzen des Sagbaren gerade verschieben – und wenn ja: macht euch das eher wütender, oder eher entschlossener, lauter zu werden?
Die Grenzen waren schon immer offen, die Stimmen werden nur lauter und präsenter.
Und ja, natürlich ist es gerade jetzt wichtig auch noch lauter zu werden.
Wenn eure Reichweite steigt, steigt oft auch der Erwartungsdruck: Wie verhindert ihr, dass die Außenwahrnehmung eure Entscheidungen stärker bestimmt als euer Bauchgefühl?
Wir sind da glaube ich nicht so empfänglich für.
Die Band ist schließlich unsere Passion und nicht unser Beruf.
Warum sollen wir mit unserer Band Kompromisse eingehen? Wir machen das, was uns gefällt.
Die letzten Worte gehören dir: Willst du unseren Leserinnen und Lesern noch etwas mitgeben?
Bleibt stabil, setzt euch für Menschen ein, die alleine nicht gehört werden.
Und nie die Hoffnung aufgeben
Am Ende bleibt das Bild einer Band, die sich von Zahlen nicht blenden lässt, aber die Wucht der eigenen Konzerte sehr genau spürt – dort, wo Mitsing-Chöre und klebriger Boden die ehrlichste Währung sind. Vier Meter Hustensaft halten den DIY-Kurs, drehen aber an Tempo und Härte, bis das Ganze wieder gefährlich lebendig klingt. Zwischen Melancholie, Bier-Idee und „Dreckige Kohle“-Trotz steht eine klare Ansage: nicht verstellen, nicht kleinmachen lassen, nicht leise werden. Und wenn der Rechtsruck lauter wird, gilt erst recht: bleibt stabil – und gebt die Hoffnung nicht auf.
Mehr zu Vier Meter Hustensaft im Netz:
Vier Meter Hustensaft bei Facebook:
https://www.facebook.com/4MeterHustensaft
Vier Meter Hustensaft bei Bandcamp:
https://viermeterhustensaft.bandcamp.com/
Vier Meter Hustensaft bei den Musikdiensten (Linksammlung):
https://fanlink.tv/4mhs