LAUTSTÆRKE im Interview: Tobias über „DÆMMERUNG“, Wendepunkte und den nächsten Schritt für die Heavy Rocker (Musikplaylist) [ Heavy Rock | Alternative Rock ]

LAUTSTÆRKE sind längst mehr als ein Geheimtipp für Fans von deutschsprachigem Rock mit Punkkante: Mit „DÆMMERUNG“ (NRT-Records) schärft das Quartett seinen Sound hörbar nach, zieht das Tempo an den richtigen Stellen raus und setzt stattdessen auf mehr Druck, Kontrolle und eine modernere Klangästhetik. Dass die Band weiß, wie man sich durchsetzt, haben sie früh bewiesen: Mit dem Sieg beim BigFM-Wettbewerb erspielten sie sich einen Slot bei Rock am Ring – und machten damit bundesweit auf sich aufmerksam. Spätestens seit dem Support-Gig für Völkerball im vergangenen Jahr ist klar, dass LAUTSTÆRKE auch live das Zeug haben, vor großem Publikum zu bestehen.

Die Playlist mit Videos und Songs – KOSTENLOS abspielen!

Wir haben uns mit Gitarrist Tobias unterhalten – über den Einstiegssong „Zug“ als bewusstes Statement, stilistische Kontraste zwischen Indie-Flair und Rockwand, die Zusammenarbeit mit Produzent Frederic Gieselbach und darüber, wie sich die Band nach Line-up-Veränderungen neu aufgestellt hat.


Hallo Tobi, schön, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst – und vorab die Frage: Habt ihr den Jahreswechsel gut überstanden?

Ja – laut, kurz und ohne bleibende Schäden. Ein bisschen Abstand, ein bisschen Reflexion. Jahreswechsel ist für uns eigentlich wie eine kurze Pause von der Band, nur diesmal war direkt vorher der Album Release, daher nicht ganz so entspannt.

DÆMMERUNG“ ist euer zweites Album: Was war der zentrale Impuls hinter dieser Platte – und woran merkt man als Hörer am deutlichsten, dass ihr als Band seit dem Debüt einen Schritt weiter seid?

Der zentrale Impuls war weniger ein inhaltlicher Umbruch als ein bewusstes Innehalten. Man hört das vor allem am Tempo: Die Songs sind im Schnitt langsamer, weniger punkig als auf dem Debüt, dafür kontrollierter und druckvoller. Der Sound ist klar moderner, offener gemischt – auch, weil sich Frederic Gieselbach als Mix- und Master-Engineer spürbar weiterentwickelt hat und wir gemeinsam präziser gearbeitet haben.

Schreibtechnisch war „DÆMMERUNG“ ein Mix aus Geduld und Intuition. Einige Songs brauchten Zeit, andere waren in wenigen Stunden komplett – etwa „Zug“ oder „Anders“. Das zeigt ziemlich gut, wo wir heute stehen: weniger Hektik, mehr Vertrauen ins eigene Gespür.

„Der zentrale Impuls war weniger ein inhaltlicher Umbruch als ein bewusstes Innehalten. Man hört das vor allem am Tempo: Die Songs sind im Schnitt langsamer, weniger punkig als auf dem Debüt, dafür kontrollierter und druckvoller. Der Sound ist klar moderner, offener gemischt [….]“

Tobias, Lautstærke

Die Leitmotive Freiheitsdrang, Selbstbehauptung und Orientierung ziehen sich durch „DÆMMERUNG“: Welche persönlichen oder gesellschaftlichen Beobachtungen haben euch dabei am stärksten angetrieben?

Politik ist nichts, was wir uns gezielt vornehmen – aber etwas, das sich schwer ausblenden lässt, gerade in einer Demokratie, die in unseren Alltagsgesprächen verankert ist. Wenn man Nachrichten verfolgt, entsteht schnell dieser Impuls, einfach weglaufen zu wollen. Dieses Gefühl teilen wir alle gemeinsam, davon sind wir überzeugt.

Mysteriös – Die neue Inkarnation von LAUTSTÆRKE

Auf „DÆMMERUNG“ geht es deshalb nicht nur um Freiheitsdrang, sondern auch um den Wunsch nach Einigkeit und Orientierung, was eher der Streitauslöser ist. Niemand steht gerne allein mit seiner Haltung da. Diese Spannung zwischen Rückzug und Zusammenhalt, zwischen Überforderung und dem Bedürfnis, nicht vereinzelt zu sein, hat die Texte geprägt.

Zug“ eröffnet mit dem Drang nach Veränderung: Warum war dieser Song der richtige Startpunkt für die Albumreise?

„Zug“ war intern der Song mit den meisten Reibungspunkten – innerhalb der Band, mit unserem Produzenten und der alten Besetzung (Marco und Marvin). Er wurde als zu schroff, zu simpel, stellenweise sogar kindisch empfunden. Genau das war allerdings von mir beabsichtigt, was oft nicht verstanden wurde.

Der Song sollte bewusst diesen kindlichen Vibe tragen: das Ausbrechen in eine Fantasiewelt, fast wie bei Peter Pan auf dem Weg nach Nimmerland – ein Ort, den keiner richtig kennt, den sich aber alle erträumen, der aber Freiheit und Sicherheit verspricht. Deshalb ist „Zug“ bewusst einfach geschrieben, fast naiv, weil diese Gedanken wir seit Beginn unseres Lebens in uns tragen und genau darin liegt seine Aussage.

Rückblickend steht der Song für mich, für Veränderung auf mehreren Ebenen: für den Wunsch, der Welt zu entkommen, für gesellschaftliche Umbrüche – und paradoxerweise auch für die Veränderungen innerhalb der Band, obwohl er nicht explizit dafür geschrieben wurde. Wir haben ihn als Opener gewählt, weil er polarisiert, gleichzeitig fordert und einlädt mit auf unsere Reise zu kommen oder nach diesem Song besser abzuschalten. Weiter hinten im Album wäre er vermutlich liegen geblieben – Wenn jemand diesen Song zu kindisch oder zu simpel empfindet, ist das vielleicht auch einfach nur ein Indikator dafür, dass man sich selbst zu ernst nimmt  und verwechselt Tiefe mit Schwere. Manchmal ist das Bedürfnis nach Professionalität nur ein Schutz davor, sich auf etwas Unkontrolliertes einzulassen. Aber das zeichnet Kreativität eben aus.

Unfassbar“ startet mit sommerlichem Indie-Flair und kippt in griffigen Rock: Wie entstehen solche Kontraste – am Reißbrett, im Proberaum oder erst im Studio?

Bei „Unfassbar“ ist der Kontrast ganz organisch entstanden. André hatte zunächst nur eine rohe Handyaufnahme – Akustikgitarre, Gesang, schnell festgehalten. Schon in dieser Version steckte ein leichter spanischer Touch. Genau den haben wir in den Strophen bewusst weitergedacht.

In der ersten Demo war direkt ein Latin-Beat drin, vor allem rhythmisch über die Drums. Darauf haben wir die Gitarren aufgebaut, ebenfalls stark vom lateinamerikanischen Groove geprägt. Im Studio kam dann noch ein kleines Drum-Intro mit Klatschen dazu, das diese Energie weiter unterstreicht. Dieser temperamentvolle, fast sommerliche Vibe passt inhaltlich perfekt zum Song, der sich stark um Beziehung und Emotion dreht.

Der Bruch in den Refrains – zurück zu vollen E-Gitarren und einer dichten Wand – entsteht bei uns weniger nach Plan als nach Gefühl. Wir setzen uns nicht hin und sagen: „Hier muss jetzt ein Kontrast her.“ Wir hören, was der Song verlangt. Bei LAUTSTÆRKE war Vielfalt immer erlaubt: Wenn sich ein Latin-Beat richtig anfühlt, dann machen wir ihn – ohne groß darüber nachzudenken.

Kompass“ bündelt Zukunftswillen bei innerer Blockade: Welche musikalischen Mittel nutzt ihr, um dieses „vorwärts wollen, aber feststecken“ hörbar zu machen?

Bei „Kompass“ lief der Prozess eher umgekehrt, als man es vielleicht erwarten würde: Wir schreiben die Musik fast immer zuerst, der Text kommt danach. Deshalb entstehen Bedeutungen oft aus dem Gefühl heraus, nicht aus einem vorher festgelegten Konzept.

Musikalisch war der Ausgangspunkt ein sehr eingängiger Bassriff mit einem klaren, treibenden Rhythmus in den Strophen. Darauf haben wir nach und nach weitere Riffs aufgebaut, bis sich der Song fast von selbst entwickelt hat. Dieses Vorwärtsdrängen bei gleichzeitiger Wiederholung transportiert ziemlich gut dieses Gefühl von Bewegung ohne echte Auflösung.

Der Text ist dann später organisch dazugewachsen und greift genau diese Spannung auf. So wurde aus einem Song, der einfach im Fluss entstanden ist, ein Stück, das dieses „vorwärts wollen, aber feststecken“ ganz natürlich hörbar macht.

Wie wichtig war euch bei „DÆMMERUNG“, trotz aller stilistischen Ausflüge den Kernsound konsequent zu bewahren – und woran macht ihr diesen Kern fest?

Glaube das können wir selber gar nicht beantworten, wir sind halt einfach LAUTSTÆRKE der Sound kommt einfach von uns.
Vielleicht ist es unsere akribische recording Arbeit gepaart mit deutschen Texten? Für viele ungewohnt. Wir werden auch ungern in das Genre „deutsch Rock“ gesteckt, weil man direkt an Böse Onkels, Freiwild usw. denkt. Soundtechnisch denken wir in ganz anderen Dimensionen, als nur „deutsch Rock“ oder „Punk“

Wie habt ihr euch als Band ursprünglich gefunden – und was war der entscheidende Auslöser, eigene Songs konsequent in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich bin selber mit Musik aufgewachsen. Mein Vater hat mich quasi mit lauter AC/DC Musik schlafen gebracht. Er brachte mir vielleicht nicht direkt intensiv Gitarre bei obwohl er selber E-Gitarre spielt, aber er hat mich inspiriert, wie „Band-Musik“ Menschen bewegt und begeistert. Später nahm er mich mal mit zu seiner Coverband „Black Eyes“ und schnell wurde ich Bandmitglied mit 16 Jahren. Mein Vater zeigte mir, dass Musik-Jemmen; Die Fähigkeit Musik, eben nicht analytisch zu produzieren, sondern eher aus dem Trance-Zustand, manche nennen es Flow-Zustand zu schreiben. Nicht darüber nachzudenken, was mache ich als nächstes, sondern es einfach aus einem anderen Zustand heraus passieren zu lassen, was aktuell immer mehr Menschen eben nicht mehr tun.

Lautstærke ab 2025



Jedenfalls kam danach für mich eins nach dem andern, erste Coverband ohne „Papa“ gegründet. Ich wollte einfach meinen eigenen Weg gehen, schnell wurde uns (Tim, ehem. Bandmitglied und mir) klar, wir wollen jetzt was neues wagen und eigene Songs schreiben. Dann war erstmal Pause und Marco stieß als Drumer über meine Arbeitstelle hinzu. Als dann André an einem Lagerfeuerabend in der Eifel dann final gefunden war, stand das Grundgerüst für LAUTSTÆRKE. Aber was den Stil von  LAUTSTÆRKE ausmacht steckt in André und mir.

Welche Idee stand ganz am Anfang von LAUTSTÆRKE: ein klarer Sound-Plan oder erst einmal maximale Offenheit, bis sich euer Profil herauskristallisiert hat?

Das war tatsächlich alles intuition und Bauchgefühl, kein Plan, keine Vorgabe nichts. Einfach das machen worauf wir Lust haben.

Wie hat sich euer Songwriting-Prozess über die Zeit verändert – wer bringt welche Impulse ein, und wie trefft ihr am Ende die endgültigen Entscheidungen?

Die endgültigen Entscheidungen Treffen wir alle demokratisch. Obwohl in der Vergangenheit das Ruder klar André und ich in der Hand hatten und der Rest quasi gesagt hat: „passt so, nehmen wir“. Irgendwie hat man da schon gemerkt, dass wir uns aneinander entfernen, was auch auf Corona zurückzuführen ist.


Songwrite-Technisch hat sich eigentlich nichts verändert, schon vor Corona haben wir die Songs vielleicht im Proberaum mal angespielt, aber finalisiert (Demotechnisch) von Zuhause aus. In der Corona Zeit hat André sich vielleicht etwas mehr Recording-Equipment angeschafft, das wäre aber sowieso nötig gewesen. Daher gibt es da kaum einen Unterschied zu vorher.

„Für mich begann die neue Handlungsfähigkeit damit, dass wir konsequenter das umgesetzt haben, was LAUTSTÆRKE im Kern schon immer war: Überzeichnung, Konzepte, dieses Spiel mit Masken, Bildern und einer gewissen Narrenfreiheit – nicht als Gag, sondern als Haltung. Uns war wichtig, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln, deshalb auch der Schritt zu einem einheitlicheren Bühnenbild […]“

Tobias, LAUTSTÆRKE

Welche Rolle spielt André als Songwriter in eurer Statik – und wie sorgt ihr dafür, dass die Songs trotzdem spürbar „Band-Songs“ bleiben?

Es kommt oft vor, dass André fertige Songs (Sein Gesang, Akkustik Gitarre und wenige Samples als Postpro unterlegt) und ich sie dann final arrangiere. Dann baue ich Instrumentalparts, Zwischenstücke, Soloparts usw. ein oder lenke ihn manchmal sogar in eine ganz andere Richtung vom Stil, was auch oft zuerst zu Verwirrung führt, aber dann doch final genommen wird.

Ihr habt früh mit Produzent Frederic Gieselbach gearbeitet: Was hat diese Zusammenarbeit an eurem Anspruch, euren Sound und eure Arbeitsdisziplin geschärft?

Frederic hat uns von Anfang an gezeigt, wie entscheidend sauberes Arbeiten für den finalen Sound ist: tight auf Klick aufnehmen, präzise spielen und Instrumente nicht nur stimmen, sondern wirklich „in tune“ bringen – Auf den Bund stimmen von Gitarre und Bass. Das klingt nach Detailarbeit, macht aber am Ende den Unterschied zwischen okay und Brett. Der Klangunterschied ist schlicht Tag und Nacht.

Mit der Zeit konnten wir diese Standards selbst umsetzen, sodass einzelne Parts sogar eigenständig von zuhause aus recorded wurden. Frederic hatte dabei immer einen hohen Anspruch und hat von uns Disziplin eingefordert. Rückblickend war genau das ein entscheidender Schritt: Diese Arbeitsweise prägt unseren Sound bis heute – und dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Wenn ihr auf eure ersten Veröffentlichungen zurückblickt: Welche Elemente davon sind heute noch euer Markenzeichen – und welche würdet ihr inzwischen anders angehen?

Für mich eher schwer zu beantworten…. Auf Festivals laufen immer noch „Nebel“ „Kunst“ und „Zurück zu Dir“ sehr gut. Aber tatsächlich fühlt sich die neue Platte am meisten nach unserem Markenzeichen an. Das ist unsere Musik. Wenn es was ruhiger sein soll, dann vielleicht auch „Sommer deines Lebens“ oder „Die Welt mit anderen Augen sehen“ aber irgendwie ist die Zeit dafür auf Konzerten nichtmehr so da.

Wie habt ihr euch euren Live-Ruf erarbeitet: über konstantes Spielen, gezielte Festival-Strategie oder einzelne Schlüsselshows?

Wir hatten oft Glück und viele Veranstalter mochten einfach auch unsere Musik, glaube das ist der Richtige Schlüssel und nicht über Sympathie und Kontakte. Am Ende geht es sowieso nur darum.

Lautstärke „Live“ beim Kidnap Konzert

Welche Bühne war für euch das erste echte Ausrufezeichen, bei dem ihr gespürt habt: Jetzt nimmt man uns ernst?

Ganz klar:

2025 Burgrock vor fast 2000 Menschen und der Support-Act bei Völkerball.
Bei Rock am Ring 2019 war gar nicht so viel los, weil es nur eine Bühne am Rand vom LIDL war und das Publikum eher dran vorbei gezogen ist. Trotzdem haben wir uns beim Voting bei BigFM von vielen Bewerbern durchsetzen können. Das ist immer ein gutes Gefühl.

Ihr habt euch bei einem großen Radio-Wettbewerb gegen sehr viele Acts durchgesetzt und einen Slot bei Rock am Ring gewonnen: Was hat dieser Erfolg intern ausgelöst – Rückenwind, Druck oder neue Ziele?

Ah hier geht ihr sogar auf diesen Gig (wie oben benannt) drauf ein…
Wir haben uns natürlich kurzzeitig für die Geilsten gefühlt, das erste Mal „Modelverträge“ vorgelegt bekommen, Gage, Rock am Ring Eintrittskarten umsonst usw. aber am Ende gepaart mit etwas Enttäuschung, weil es eben nur ein Auftritt vor dem LIDL bei Rock am Ring war und viele Zuschauer nur vorbei gingen und sich nicht wirklich für uns interessiert haben. Aber das kann ich voll verstehen, wenn man da Festivalbesucher ist, dann ist man übermüdet, erschöpft, hungrig, durstig und will die Hauptacts sehen, warum soll ich mir neuen Input geben. Ich wäre wahrscheinlich genau so gewesen.

Euer Debütalbum konnte sich in Verkaufscharts behaupten: Wie habt ihr diesen Meilenstein erlebt, und hat er eure Release-Strategie nachhaltig verändert?

Das war 2021 gar nicht so lange her, aber ich glaube die Algorythmen waren auch noch etwas fairer. Wir haben max. 3-4 Video-Trailer zum Album gepostet, der Rest waren Standbilder und Texte. Heute werden nur noch Videos verlangt und es fühlt sich nach noch mehr Arbeit an, als zuvor. Mal sehen was die Auswertungen so ausspucken am Ende.

Wie definiert ihr Erfolg heute: Streams und Views, Ticketverkäufe, Merch, Medienresonanz – oder eher das Gefühl, musikalisch auf dem richtigen Weg zu sein?

Erfolg in der Musik bedeutet für uns, die menge an Menschen, die man mit der Musik erreicht. Also ja schon eher Views und streams. Ticketverkäuft sind heutzutage nicht mehr Aussagekräftig. Die Gesellschaft geht nicht mehr so häufig auf kleine Konzerte. Leider….

Euer Gig am Zülpicher See als Support für Völkerball war für das aktuelle Line-up ein besonderes Schaufenster: Wie habt ihr diesen Abend erlebt, und was habt ihr daraus für euren weiteren Live-Weg mitgenommen?

Holprig, aber überlebt. Zwei neue Musiker an Board, Zhen und Erik. Für sie war es komplett Neuland und dann direkt so eine Bühne, wow. Meine Worte vorweg: „Jungs, gewöhnt euch nicht daran, das hier ist eine Ausnahme“ dann hatte ich im Intro keinen Sound auf dem Ohr und die Band hat sich komplett verspielt, aber ist dann wieder rein gekommen. Joa, so muss es auch mal sein. Danach haben wir vieles nochmal mit unserem Technikern Lennard und Tom verbessert.

Ihr bewegt euch zwischen Heavy Rock, Alternative sowie punk- und indiegefärbten Momenten: Wie verhindert ihr, dass Vielfalt zur Beliebigkeit wird?

Ja? ist das so? Das hat viel weniger mit Beliebigkeit zutun, sondern mit kreativität. Einfluss dafür haben viele andere Bands, wie „System of a Down“, „Ender Shakari“, „MUSE“ oder „BMTH“ bei uns gehabt, auch wenn deren Genre nicht ganz bei uns zu erkennen ist, ist die Song Struktur ähnlich bei uns. Etwas progressiv und abwechslungsreich. Vielleicht zeichnet das uns eben aus.

Eure Videos sind ein wichtiger Teil eurer Außenwirkung: Entsteht bei euch zuerst der Text, der Film im Kopf – oder das Bild, das den Song nachträglich formt?

Ganz klar, wie oben schon mal beschrieben: Musik, dann der Text, dann das Bild. Oft sogar: Musik → Bild (im Kopf) → Text. Text ist so gut wie nie zuerst da.

Bei „Schöner Tag“ wurde eure zynisch-fröhliche Seite sehr präsent: Wie bewusst setzt ihr Humor als Gegenpol zu den ernsteren Themen ein?

Diesen fast sarkastisch-zynischen, gleichzeitig fröhlichen Ton setzen wir sehr bewusst ein. Wir nennen das intern gern einen schelmischen Stil – weil er erlaubt, Dinge zu sagen, ohne sie platt oder belehrend auszusprechen. Gerade bei schweren Themen funktioniert Humor für uns als Gegenpol und als Verstärker zugleich.

Im Musikvideo zu „Schöner Tag“ treiben wir das bewusst auf die Spitze: Schminke, überzeichnetes Lachen, fast clowneske Figuren. Das ist kein Selbstzweck, sondern angelehnt an die Idee der Narrenfreiheit – dieses alte Motiv, bei dem der Narr alles sagen darf, ohne bestraft zu werden. Gerade weil das, viele selbst entlarvt. Als Künstler nehmen wir uns diese Freiheit heraus.

Der Song entstand in einer Zeit, in der politisch und gesellschaftlich vieles gleichzeitig eskaliert ist – Pandemie, Krieg, allgemeine Überforderung. Man schaut auf das Geschehen und denkt sich: Das ist eigentlich völlig absurd. „Schöner Tag“ dreht genau dieses Gefühl um, stellt es auf den Kopf. Für mich ist der Song inhaltlich fast ein textlicher Zwilling von „Zug“ – nur mit einem Lächeln, das ein bisschen weh tut.

Fenster“ nähert sich einem schweren Thema: Wie findet ihr die Balance zwischen künstlerischer Direktheit und Verantwortung gegenüber Hörerinnen und Hörern?

Die Frage ist für uns eher: Muss man diese Balance überhaupt bewusst herstellen? Wir glauben, dass Künstler, die direkt, sarkastisch oder humorvoll arbeiten können, genauso fähig sind, verantwortungsvolle Songs zu schreiben. Das schließt sich nicht aus.

Wir empfinden es auch nicht als Aufgabe, Musik künstlich auszubalancieren oder Themen abzuschwächen, nur um Erwartungen zu erfüllen. Musik darf fordern, berühren, auch unbequem sein. Genau dafür ist sie da. Verantwortung entsteht für uns nicht durch Zurückhaltung, sondern durch Ehrlichkeit im Ausdruck.

„Fenster“ ist deshalb direkt, ohne sensationsheischend zu sein. Wir trauen den Hörerinnen und Hörern zu, selbst mitzugehen, zu interpretieren und sich dem Thema auf ihre eigene Weise zu nähern – ohne dass wir ihnen vorschreiben, wie sie sich dabei fühlen sollen.

Eure Mini-Clip-Dokumentation über Social Media zur Album-Vorbereitung ist eine originelle Idee: Was wolltet ihr damit zeigen – und was habt ihr dabei über euch selbst als Band gelernt?

Die Mini-Clip-Dokumentation ist aus einer sehr pragmatischen Überlegung entstanden: Das Album war fertig, aber unsere Social-Media-Kanäle waren algorithmisch praktisch tot. Trotz rund 3000 Followern haben Stories teilweise nur 50 bis 60 Leute erreicht. Nach etwas Recherche war klar, warum: lange Inaktivität – durch Corona, interne Stillstände und Umstrukturierungen – hatte dazu geführt, dass wir von den Plattformen schlicht runterkategorisiert wurden.

Uns war klar: Wenn wir „DÆMMERUNG“ veröffentlichen, müssen wir vorher wieder sichtbar werden. Statt klassischer Promo wollten wir das kreativ lösen – als fortlaufende Geschichte. Rückblickend würden wir manches sicher anders und weniger zäh erzählen. Interessanterweise kam der lockere, chaotische Band-Alltag am Anfang am besten an, während andere Teile eher verhalten funktioniert haben. Auch das gespielte Bandauflösungs-Video war im Nachhinein vielleicht nicht der stärkste Move.

Im Kern war die Geschichte aber ehrlich. Der anfängliche Chaos-Zustand, der Umbruch und die Umstrukturierung – im Video überspitzt als Bandauflösung – spiegeln reale Phasen wider. Der spätere Survival-Content steht für das eigenständige Songwriting und das Durchkämpfen durch schwierige Zeiten. Der Gang durch die Höhle war kein Zufall, sondern sinnbildlich: für Zweifel, Rückschläge und das Aushalten. Und am Ende eben das Herauskommen – mit einem fertigen Album und einer klareren Haltung als Band.

„‚Zug‘ war intern der Song mit den meisten Reibungspunkten – innerhalb der Band, mit unserem Produzenten und der alten Besetzung. Er wurde als zu schroff, zu simpel, stellenweise sogar kindisch empfunden. Genau das war allerdings von mir beabsichtigt. Der Song sollte bewusst diesen kindlichen Vibe tragen: das Ausbrechen in eine Fantasiewelt, fast wie Peter Pan auf dem Weg nach Nimmerland [….]“

Tobias, Lautstærke

Es gab Brüche mit ehemaligen Mitgliedern: Was könnt und möchtet ihr über die Hintergründe beim Ausstieg von Tim erzählen – und wie hat das eure kreative Ausrichtung verändert?

Der Ausstieg von Tim fiel in eine Phase, in der wir als Band nach Corona wieder aktiver werden und neu durchstarten wollten. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass sich unsere Wege zunehmend auseinanderentwickeln. Es gab musikalische Differenzen und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie intensiv man sich einbringt und wie gemeinschaftlich Bandarbeit gelebt wird.

Über einen längeren Zeitraum entstand bei uns der Eindruck, dass die Verbindung nicht mehr so geschlossen war wie früher – sowohl kreativ als auch menschlich. Gespräche und Diskussionen haben daran wenig geändert, sodass wir am Ende gemeinsam zu dem Schluss gekommen sind, dass eine Trennung für alle ehrlicher ist, als etwas weiterzuführen, das sich nicht mehr richtig anfühlt.

Für uns war diese Entscheidung nicht leicht, und sie ist auch nicht emotionslos gefallen. Kreativ hat sie aber Klarheit geschaffen: Seitdem arbeiten wir fokussierter, mit klareren Zuständigkeiten und einem stärkeren gemeinsamen Gefühl dafür, wohin wir wollen. Menschlich bleibt das Thema sensibel, aber bandintern war es ein notwendiger Schritt, um wieder handlungsfähig zu sein.

Auch Marvin und Marco sind nach Abschluss der Aufnahmen nicht mehr Teil der Band: Woran ist es letztlich gescheitert – musikalisch, organisatorisch oder menschlich?

Der Abschied von Marco und später auch von Marvin hatte unterschiedliche Auslöser, folgte aber einem ähnlichen Grundmuster. Bei Marco stand zunächst klar sein privater Lebensweg im Vordergrund. Er hat in kurzer Zeit sehr viel Veränderung erlebt und für sich gemerkt, dass er einen Neuanfang und Abstand braucht. Das haben wir respektiert. Im weiteren Verlauf wurde aber auch deutlich, dass er sich mit der Arbeitsweise der Band zunehmend schwerer tat.

Wichtig ist uns dabei: Wir haben unseren Kern nicht neu erfunden. Viele der kreativen Elemente, die heute sichtbar sind – Humor, Verkleidung, überspitzte Videos, spielerischer Umgang mit Medien – gab es bei LAUTSTÆRKE schon immer. Was sich eher verändert hat, war die persönliche Entwicklung und Toleranz gegenüber dieser Form von Kreativität. Für Marco und Marvin wurde das irgendwann zu viel.

Bei Marvin war der Bruch stärker an der Arbeitsweise festzumachen. Vor allem das umfangreiche Promo- und Storytelling-Konzept rund um das Album war für ihn schwer mitzutragen. Es gab viele Diskussionen, viel Abstimmung, viel Reibung. Irgendwann wurde deutlich, dass die Energie und Bereitschaft, diesen Weg weiter mitzugehen, nicht mehr da war. Der Ausstieg kam für uns überraschend, war aber im Nachhinein konsequent.

Auch musikalisch gab es Differenzen, etwa bei Songs wie „Zug“, die bewusst schroff, kindlich und unbequem gedacht waren. Wir standen hinter dieser Entscheidung – andere konnten das nicht mehr mittragen. Am Ende muss man anerkennen: Wenn sich Haltungen und Belastungsgrenzen so weit auseinanderentwickeln, ist eine Trennung oft ehrlicher als ein dauerhaftes Ziehen in verschiedene Richtungen. Menschlich ist das schade, bandintern war es vielleicht sogar notwendig.

Wie seid ihr nach diesen Veränderungen als Band wieder handlungsfähig geworden: Was hat euch geholfen, Vertrauen und Stabilität im Line-up neu aufzubauen?

Ich kann das nur aus meiner Perspektive beantworten, aber für mich begann die neue Handlungsfähigkeit damit, dass wir endlich konsequenter das umgesetzt haben, was LAUTSTÆRKE im Kern schon immer war. Dinge wie Schminke, Kostüme, bewusste Überzeichnung und Konzepte – das gab es schon früher, etwa bei „Schöner Tag“ oder „Die Welt mit anderen Augen sehen“. Nach den Umbrüchen haben wir das nicht mehr nur punktuell eingesetzt, sondern klarer gedacht und stärker gebündelt.

Uns war wichtig, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Deshalb auch der Schritt zu einem einheitlicheren Bühnenbild: ein klarer Stil, viktorianisch angehaucht, leicht opernhaft, klassisch – mit Masken, alten Kleidungsstilen, bewusst nichts Alltägliches. Dadurch wirken wir nach außen deutlich mehr als Band und nicht mehr als lose Ansammlung einzelner Musiker. Das hat uns enorm geholfen, wieder Stabilität zu gewinnen.

Intern bedeutet Handlungsfähigkeit heute für mich nicht, dass alles schneller oder reibungsloser läuft – im Gegenteil, wir diskutieren mehr als früher. Aber es fühlt sich bandiger an. Entscheidungen entstehen nicht mehr dadurch, dass ein oder zwei Köpfe vorangehen und der Rest abnickt, sondern weil vier Leute wirklich mitdenken, mitentscheiden und Verantwortung tragen. Und genau das macht die Band für mich heute stabiler als zuvor.

Wenn ihr nach „DÆMMERUNG“ nach vorn blickt: Was ist euer nächstes konkretes Ziel – künstlerisch, live und in Bezug auf eure Reichweite?

Was viele nicht wissen und verstehen: „DÆMMERUNG“ ist musikalisch noch stark von der alten Besetzung geprägt – mit Marco, Marvin und teilweise sogar noch mit Tim. Für die Zukunft ist deshalb ziemlich klar, dass sich noch einmal etwas verändern wird. Nicht zwingend im Sound, aber sehr wahrscheinlich im Genre. Die neuen Bandmitglieder kommen stärker aus der Metal-Ecke, und ich bin ehrlich gesagt gespannt, wie sich diese Härte mit dem klaren, melodischen Gesang von André verbinden wird.

Künstlerisch habe ich große Lust auf genau diesen nächsten Schritt. Es sind bereits neue Songs in Arbeit, und vieles fühlt sich offener und experimentierfreudiger an als zuvor. Wohin das genau führt, wollen wir nicht festzurren – wichtig ist, dass es wieder vielseitig bleibt und sich richtig anfühlt.

Live ist die Situation aktuell überraschend ruhig. Für 2026 stehen noch keine konkreten Termine fest, Anfragen kommen sonst meist von selbst. Woran das gerade liegt, können wir nicht eindeutig sagen. Klar ist aber: Wir sind bereit, wir schreiben weiter, und sobald sich Türen öffnen, gehen wir da rein. Fokus bleibt jetzt erstmal auf neuen Songs und darauf, die nächste Phase von LAUTSTÆRKE vorzubereiten.

Danke für deine Zeit – zum Schluss gehören die letzten Worte dir und der Band: Was möchtet ihr euren Fans, neuen Hörerinnen und Hörern sowie allen, die „DÆMMERUNG“ gerade erst entdecken, noch mitgeben?

Zum Leben gehören immer mindestens zwei Seiten. Es läuft nicht alles glatt – und das muss es auch nicht. Die hellen Momente ergeben nur Sinn, weil es die schwierigen gibt. Entscheidend ist, nicht alles wegzudrücken was einem unangenehm im Weg steht, sondern es anzunehmen.

„DÆMMERUNG“ lebt genau von diesem Übergang. Nicht vom perfekten Zustand, sondern vom Dazwischen. Wenn man versteht, dass das Leben so funktioniert, wird es vielleicht nicht leichter – aber ehrlicher. Und manchmal reicht genau das.

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